Fastenzeit und Glauben

Seit dem 17. Mai herrscht unter den Muslimen dieser Welt wieder der Ausnahmezustand, denn es ist Ramadan, eine Zeit in der von Sonnenauf- bis Sonnentuntergang weder Nahrung noch Getränke konsumiert werden dürfen. Für Muslime, die bereits seit ihrem Jugendalter an das Fasten und auch entsprechende Temperaturen gewöhnt sind, fällt dieser Monat vielleicht gar nicht mal so schwer, aber für mich, die sich seit letztem Jahr an diesem religiösen Gebot beteiligt, ist es zeitweise doch noch eine Herausforderung.

Warum ich letztes Jahr damit angefangen habe, kann ich gar nicht mehr genau sagen, vermutlich wollte ich einfach mal meinem muslimischen Umfeld nachfühlen und sehen, ob ich stark genug bin, es auch durchzuhalten. Am Ende habe ich immerhin zehn Tage geschafft, diese jedoch auch nicht am Stück, was noch ein bisschen härter gewesen wäre. Auch wenn der Sommer letztes Jahr nicht besonders gut war, ausgerechnet in der Ramadan-Zeit war es extrem heiß (was sich dieses Jahr leider wiederholt). Ich bin damals sogar noch fröhlich fastend unter praller Sonne im Meer rumgeschwommen, keine Ahnung wie ich dafür die Energie aufgebracht habe, das schaffe ich in diesem Jahr definitiv nicht.

Während das letztes Jahr nun aber hauptsächlich ein Selbsttest über meine innere Stärke und Willenskraft war, hat sich der Grund meines diesjährigen Fastens grundlegend geändert. Ich beschäftige mich seit nun mehr drei Jahren mit dem Thema Gott/Spiritualität und bin nach unzähligen Büchern, Gesprächen, Filmen und auch Erfahrungen zu dem Schluss gekommen, dass es da etwas geben muss und der Urknall und das daraus entstandene Leben nicht einfach so passiert sein können, ohne einen Ursprung und ersichtlichen Grund. Leider sind wir in unserer westlichen Welt heutzutage viel zu sehr von uns überzeugt, als dass wir uns vorstellen können, es gibt noch etwas mächtigeres als uns Menschen, so was wie einen Schöpfer, der als Einziger das Große Ganze kennt und einen bestimmten Plan verfolgt. Wieso sollten wir auch jemandem dienen, wo uns selbst doch die Welt zu Füßen liegt? Die Welt ist auf unserer Seite des Erdballes ein großer Spielplatz, auf dem alles erlaubt ist, was Spaß macht und danach richten wir auch unser Leben größtenteils aus.

Aber wie kommt es dann, dass so viele Menschen Angst vor dem Tod haben, wenn die meisten doch innerlich sowieso der Meinung sind, danach kommt einfach nichts? Dafür, was vor der eigenen Geburt war, fehlt jegliches Bewusstsein, aber wenn danach dann einfach auch nichts passiert, gibt es ja eigentlich auch keinen Grund Angst zu empfinden. Vorm Schlafen hat man ja schließlich auch keine Angst und das unterscheidet sich ja dann nicht wirklich vom Tod. Wozu also dieser Instinkt, warum fühlen wir Todesangst? Könnte es darauf beruhen, dass einem in diesen Momenten plötzlich klar wird, dass man sein Leben vielleicht doch nicht so gelebt haben könnte, wie es ein Schöpfer von einem erwarten würde? Schleicht sich das Gefühl ein, der eigene Egoismus und die Ignoranz, mit der wir durchs Leben gelaufen sind, all die kleinen und großen Sünden, die wir begangen haben, könnten sich vielleicht nach dem Tod doch noch mal rächen?

Ich weiß es nicht, aber ich mache mir Gedanken darüber und daher weiß ich zumindest für mich, dass ich diese Gefühle nicht haben will. Ich möchte keine Angst vor dem Tod haben und ich möchte bei meinem Ableben das Gefühl haben, das Bestmögliche für mich und (das größere Vorhaben—>) auch für die Welt getan zu haben. Ich weiß noch nicht, ob mir das gelingt, aber ich will es zumindest versuchen, was mich wieder zurück zum Fasten bringt. Wenn man sich einfach mal sagt, ok ich mache das jetzt für Gott, für eine höhere Macht, für die Urkraft, die das Universum erschaffen hat und drücke dieser -für das menschliche Gehirn einfach unvorstellbaren Macht-, damit meine Demut aus, dann ist das sicher schon mal ein guter Grund eine Zeit lang tagsüber auf Essen und Trinken zu verzichten.

Ein weiterer, ebenfalls sehr bedeutender Aspekt, ist das Mitfühlen und die Loyalität gegenüber der armen Bevölkerung, die Tageweise tatsächlich weder Nahrung noch Wasser zu sich nehmen kann. Im Fastenmonat Ramadan muss während dieser Zeit eine Spende, die sogenannte Zakat-ul-Fitr entrichtet werden. Die Zakat-ul-Fitr entspricht in etwa einer Mahlzeit (ungefähr 10 Euro pro Person), wovon dann Grundnahrungsmittel, zum Beispiel Getreide, Reis und Milchprodukte gekauft werden. Sie muss in der Regel am Ramadan-Festtag entrichtet werden. Bei bestimmten Hilfsorganisationen werden von der Spende dann Grundnahrungsmittel in Form von Lebensmittelpaketen vor Ort in den Ländern der Bedürftigen verteilt.

Hinzu kommt dann natürlich noch die größere Spendensumme, nämlich die normale Zakat, eine Abgabe, die für Muslime verpflichtend ist. Es handelt sich nicht um eine freiwillige Spende, sondern um eine Art Sozialabgabe. Die Zakat bezieht sich auf einen bestimmten Teil des Besitzes und Vermögens der Gläubigen. Damit sollen ebenfalls bedürftige Menschen unterstützt werden. Da man dieses Gefühl von Hunger und Durst während des Ramadan so gut selbst erlebt, fallen die Spenden bei den meisten Fastenden durch den Ramadan also auch entsprechend großzügiger aus. Wenn man in einem Land wie Deutschland groß geworden ist, fehlt -Gott sei dank- das Bewusstsein für dieses schreckliche Gefühl, den Körper nicht ausreichend mit Energie versorgen zu können.

Ich denke es kann also nicht schaden, sich wirklich einmal in die Lage dieser Menschen hineinzuversetzen und dann natürlich auch entsprechende Unterstützung zu gewähren. Ich glaube auch, dass es nur möglich ist, richtige Solidarität mit den Hungernden zu empfinden, nachdem du selbst herausgefunden hast, wie sich so etwas wirklich anfühlt. Im Gegenzug erhältst du dafür auch etwas Unbezahlbares: Die eigene Dankbarkeit für den immer vollen Kühlschrank und die Dankbarkeit der Menschen, die letztlich durch deine Großzügigkeit ihren Durst und Hunger stillen können. Dafür lohnt es sich doch, einmal im Jahr nicht immer sofort seinen Bedürfnissen nachzugehen, sondern bewusst auf dieses größte aller Privilegien zu verzichten.

Nach dem Fasten schlendere ich für meinen Teil jedenfalls wieder wesentlich demütiger und dankbarer durch unsere schöne Welt…