Opas Insektenhotel

Opas Insektenhotel

Dieses Insektenhotel war ein Geschenk meiner Eltern an meinen Großvater. Ich habe noch genau das Bild im Kopf, als er das Geschenkpapier entfernte und ein Strahlen in seine Augen trat. Mein Opa liebte seinen Garten und alle was damit zusammenhing, vor allem aber das Arbeiten darin. Pflanzen, sähen, umgraben, er ließ es sich auch bis kurz vor seinen Tod nicht nehmen. 

Ich erinnere mich daran, dass er mir einmal als Kind erklärte, wie man Apfelbäume veredelt. Damals hatte unsere Familie neben Haus & Garten auch noch einen Schrebergarten im Dorf meiner Großeltern. Er ging mit mir von Baum zu Baum und erklärte, welche Obstsorten dort nun aufgrund der Veredelung wachsen. Damals hat mich das nicht wirklich interessiert, aber jetzt würde ich mir sehnlichst wünschen, er könnte es mir noch einmal in aller Ausführlichkeit erzählen. 

Alle von einem Baum

Aber dieser Mensch, mein Opa, existiert nun nicht mehr. Seine menschlichen Überreste sind verbrannt, wo seine Seele ist weiß nur Gott. Und sein geliebtes Insektenhotel ist in meinen Besitz übergegangen.

Hin und wieder kommt es vor, dass mein anderer Opa mich mit dem Handy anruft. Jedes Mal wenn auf meinem Smartphone „Opa ruft an“ erscheint, frage ich mich im ersten Moment welcher Opa da jetzt durchruft, bis mir klar wird, dass ich ja nur noch einen habe. Das ist auch jetzt, vier Monate nach seinem Tod, ein komischer Gedanke für mich. Auch wenn mein verbliebener Opa mich dann meist auch noch versehentlich anwählt, da er mit dem Handy nicht so gut umgehen kann, freue ich mich doch jedes Mal, wenn sein Anruf auf meinem Display erscheint. Ein trauriger Gedankengang der dann nämlich kommt: Dass ich höchstwahrscheinlich auch diesen Opa in nicht allzu ferner Zukunft aus meinem Telefonbuch löschen kann. 

Ich kenne hier in Lübeck inzwischen so viele alte Leute, deren Kinder & Enkelkinder gerade einmal in Travemünde oder Hamburg leben, die sich aber seit Monaten oder sogar Jahren nicht mehr bei diesen alten, einsamen Menschen haben blicken lassen. Das ist so traurig und wenn mir ältere Menschen diese Dinge erzählen, bekomme ich auch meinen eigenen Großeltern gegenüber immer ein schlechtes Gewissen. Denn letztlich habe auch ich meine Großeltern viel zu selten besucht, war oft mit anderen Dingen beschäftigt oder hatte einfach keine Lust hinzugehen. Jetzt wohne ich über 300 km von ihnen entfernt und habe nicht mehr die Möglichkeit sie allzu oft zu sehen, obwohl ich es inzwischen einfach so gerne tun würde. 

Den Großteil unserer Zeit leben wir unsere eigenen Leben und schenken unseren Großeltern viel zu wenig Beachtung. Meist leben sie nun mal auch in einer völlig anderen Welt als wir, vertreten andere Werte und sind gänzlich anders aufgewachsen. Die Welt war in ihrer Jugend nicht so modern und vielleicht auch nicht so kompliziert, wie unsere es heute ist. Es gab weniger Geld, weniger Freizeit und letztlich einfach weniger Selbstentfaltung. Die Arbeit stand auf Platz 1 und damit verbunden natürlich auch die gesellschaftliche Anerkennung. Das ist heute bei vielen jungen Menschen nicht mehr so, das eigene Glück ist wichtiger, als „was die Leute sagen“. Durch die unterschiedlichen Ansichten der verschiedenen Generationen können daher viele junge Menschen nichts mehr mit den Alten anfangen und verbannen sie daher mehr und mehr aus ihrem Leben. Aber das ist nicht nur falsch, sondern irgendwie auch total unmenschlich. Schließlich wünschen wir uns ja vielleicht auch irgendwann Enkelkinder, denen wir nicht egal sind. Wir sollten nie vergessen, dass weder wir, noch die Menschen um uns herum ewig leben. Daher nutzt eure Zeit für die wirklich wichtigen Dinge und besucht eure Großeltern öfters. Denn wenn ihr die Möglichkeit dazu habt, ist das doch letztlich viel bereichernder, als die hundertste Netflix-Folge zu schauen oder anderen unwichtigen Zeitfressern nachzugeben. Und was verdient schon mehr zeitliches Engagement als die Familie?

Was mir am Ende bleibt ist nur der Blick auf Opas Insektenhotel, das einen Ehrenplatz in meinem Garten bekommen hat und die Hoffnung, meinen anderen Opa noch ein paar Mal sehen zu können, bevor auch seine Anrufe für immer verstummen. Ich wünschte es wäre nicht so.



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