Life of the others


Der Publizist Jürgen Todenhöfer beschreibt die Situation vieler Menschen (hier auf Instagram) sehr emphatisch und nachvollziehbar. Mit Texten lassen sich Gefühle oder Situationen oftmals besser beschreiben als zum Beispiel ein fiktiver Film es je ausdrücken könnte. Deswegen enttäuschen mich auch oft Buchverfilmungen, sie können der literarischen Erzählung meist nicht das Wasser reichen.

Jürgen Todenhöfer tut aktiv etwas gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt, durch seine Texte, aber auch durch persönlichen Einsatz. Er hilft fremden Menschen die ausgebeutet werden und prangert Politiker an.


Aber was ist, wenn Menschen, die du kennst oder die sogar zu deiner Familie gehören, Unmenschlichkeit hautnah erleben? Und du bist machtlos, kannst nichts tun oder zumindest nicht genug, außer einfach dankbar zu sein, dass du selbst nicht in dieser Situation steckst. Klingt irgendwie erschreckend egoistisch, aber was machst du konkret ohne Einfluss und Geld?


Die meisten Deutschen wissen nicht wirklich in was für einen unfassbaren Wohlstand sie da geboren wurden. Für mich war es auch immer selbstverständlich mir im Grunde alles leisten zu können, was ich unbedingt haben will. Natürlich lernt jeder schon als Kind, dass die Menschen in Afrika nicht genug zu essen haben und wir deshalb selbst unsere Teller aufessen sollen. Ein berechtigter Einwand gegen Verschwendung, Afrika selbst helfen wir damit natürlich nicht.

Wie gut es uns wirklich geht, können wir aber erst begreifen, wenn wir mal selbst erleben, wie schlecht es andere tatsächlich haben. Das Blöde ist nur, danach macht Konsum irgendwie überhaupt keinen Spaß mehr und man beginnt doch mehr und mehr die eigenen Lebensinhalte in Frage zu stellen. So geht es mir zumindest.


Seit ich im letzten Monat in Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos war, hat sich da nämlich etwas verändert.

Ich bin nicht mehr der selbsternannte 1. Klasse – Mensch mit der hellen Haut aus dem reichen Europa, der vor dem Fernseher sagt „oh ja, schrecklich was da passiert“ und der sich spätestens einen Tag darauf zur Feier des Tages mal das 25 Euro Steak bestellt, weil man sich ja sonst nichts gönnt.

Ich kaufe mir zwar immer noch zu viele unnütze Dinge, aber was mich dabei stetig begleitet ist das schlechte Gewissen. 25 Euro, davon könnte eine Flüchtlingsfamilie in der Türkei ein paar Tage überleben, 25 Euro, das sind 2 Nächte außerhalb von Camp Moria, in einem richtigen Bett. Es gäbe dort eine Waschmaschine und eine saubere Dusche, die Menschen könnten sich reinigen und für 48 Stunden Ruhe finden. Oder ich esse eben 10 Minuten ein Steak. Ok dann kein Steak, ich nehme bitte ein Fischbrötchen, – 3 Euro – ich fühle mich besser. So funktioniert das natürlich nicht immer. Der Mensch ist egoistisch und jeder lebt in seinem Film. Natürlich will man da als Hauptdarsteller für sich auch das Beste rausholen und das läuft für die meisten eben über Konsum. Wir haben es leider alle so sehr verinnerlicht uns gegenseitig über diesen Konsum, der so zum gesellschaftlichem Status wird, zu bewerten, dass es einen harten inneren Kampf erfordert, dieser Art von Geltungsbedürfnis nicht nachzugeben. Darauf möchte ich kurz näher eingehen:

Das Fischbrötchen ist verdaut, ich schlendere durch die Fußgängerzone und sehe den Winterschlussverkauf bei H&M. Rein da. Wenn ich mir jetzt die neuste Mode zulege, gehöre ich dazu. Bin nicht nur auf dem neuesten Stand, sondern auch gleich ein Vorbild, weil ich hip & trendy bin. So will ich gesehen werden, also ab in die Umkleide.

Plötzlich meldet sich auch hier mein Gewissen: Wie produziert H&M eigentlich? Ich sitze in der Kabine und google es, erfahre, dass H&M keine eigenen Produktionsstätten besitzt, sondern die Ware vor allem in Asien produzieren lässt. Viele der Arbeiter in diesen Ländern leben mit ihren Familien trotz zahlreicher Überstunden unter der Armutsgrenze. H&M wurde in den vergangenen Jahren zudem durch eine ganze Serie von Skandalen erschüttert.

Habe ich im Detail ehrlich gesagt gar nicht mitbekommen oder hat es mich einfach nicht interessiert? Ich lese weiter. Bei den Skandalen ging es unter anderem um die schlechte Umweltbilanz des Unternehmens (die Modedesignerin Eileen Fisher sagte, die Bekleidungsindustrie sei „der weltweit zweitgrößte Umweltverschmutzer, nur die Ölindustrie sei noch schlimmer“) und um Kinderarbeit bei Zulieferern in Myanmar, Bangladesch und Kambodscha. 2016 fanden Journalisten heraus, dass in H&M-Produktionsstätten in Myanmar 14-Jährige mehr als zwölf Stunden täglich arbeiten mussten – für einen Stundenlohn von umgerechnet 15 Cent, die Hälfte des festgeschriebenen Mindestlohns in dem Land.

Doch noch mal zur Umweltbilanz: Allein in den USA werden pro Jahr 9,5 Millionen Tonnen Textilien in den Müll geschmissen. Bei der Produktion dieser „schnellen Mode“ kommen große Mengen giftiger Chemikalien zum Einsatz, sowohl beim Anbau von Rohstoffen als auch beim Färben der Stoffe – eine Gesundheitsgefahr für Erzeuger und Arbeiter. Gelangen diese Chemikalien in die Umwelt (was natürlich häufig passiert), kann das katastrophale Auswirkungen haben. Hinzu kommen die Treibhausgas-Emissionen der Textilindustrie, die höher sind als bei einigen der größten Fluglinien, sowie der enorm hohe Wasserverbrauch bei der Baumwollproduktion. Das alleine ist schon schockierend. Plötzlich fällt mir aber ein, dass doch grade H&M sich für Recycling einsetzt. Ich habe selbst die ganzen Kleiderboxen in den Läden gesehen, wo man einen Prozent-Gutschein erhielt, wenn man seine alte Kleidung zum recyceln abgab. Ich konkretisiere meine Recherche und finde heraus:

Im Jahr 2016 startete H&M eine Kampagne, bei der die Kunden aufgefordert wurden, gebrauchte Kleidung in den Filialen zum Recycling zurückzugeben. Der Nachhaltigkeitsmanager des Unternehmens musste allerdings zugeben, dass von den zurückgegebenen Kleidungsstücken nur 0,1 Prozent für die Produktion neuer Ware genutzt wurde. 0,1 Prozent, ich bin baff. Da ist man als Verbraucher also wieder mal so richtig für dumm verkauft worden, im wahrsten Sinne des Wortes.

Das was hier für H&M gilt, kann man natürlich auch für die meisten anderen gängigen Modeketten recherchieren und man wird auf ähnliche Ergebnisse stoßen. Verärgert verlasse ich die Umkleidekabine und hänge die Kleidung zurück auf die Stange. 

Ok, aber so langsam macht der Verzicht keinen Spaß mehr. Mich beschleicht zudem das Gefühl, dass man sich aus der Gesellschaft katapultiert, wenn man versucht ein „bewusster“ Mensch zu sein. Im nächsten Schaufenster betrachte ich mein Spiegelbild. Ich sehe uncool aus in meiner 7-Jahre alten Winterjacke. Und ich habe immer noch Lust auf Fleisch, aber verbiete es mir. Plötzlich wird mir die Kälte erst so richtig bewusst, es ist zudem sehr windig, aber trotzdem muss ich noch 6 km mit dem Fahrrad nach Hause, denn Auto für Kurzstrecken geht gar nicht. Außerdem kann ich die Parkgebühr sparen. Also selber schuld! Ich habe inzwischen ziemlich schlechte Laune.

Eine halbe Stunde später bin ich zuhause und schlage mir erst mal ein paar Eier aus Freilandhaltung in die Pfanne. Mein Mann begrüßt mich, die warme Wohnung, etwas Leckeres zu essen, so langsam bessert sich meine Laune wieder. Eine WhatsApp-Nachricht meiner Freundin blinkt auf. Sie braucht ein Rezept. Ich scrolle durch meine Fotos, irgendwo habe ich es abgespeichert und da sind sie wieder: Die Bilder aus Moria.



Um in das Camp zu gelangen trug ich ein Kopftuch und einen langen Rock. Am Eingang standen vier Polizisten, die kontrollierten, wer da ein und ausging. Mit meiner islamischen Bedeckung viel ich den Wachleuten in der Menge nicht auf und konnte ungehindert eintreten. So wurde ich Teil einer Menschenmenge, die außerhalb unserer Gesellschaft steht. Nicht nur wegen ihrer Hautfarbe oder ihres Glaubens, sondern auch, weil hier ein ganz anderes Leben gelebt wird, ohne Fußgängerzone und Fischbrötchen. Hier geht es mehr ums Überleben. Nicht im klassischen Sinne von Hungersnot oder Viruserkrankungen, wie es in beispielsweise Afrika zweifelsfrei der Fall ist, sondern darum, in dieser Atmosphäre nicht die Hoffnung & den Glauben zu verlieren, sich selbst nicht aufzugeben. Auch wenn Europa ihnen durch die fehlende Hilfe ganz klar zeigt, wo ihr Platz ist.



Dadurch, dass es bei den Menschen auf Lesbos um so vieles geht, gibt es keinen Platz für Lappalien. In Deutschland habe ich oft das Gefühl, dass sich der ganze Alltag irgendwie nur um Lappalien dreht. Hier wird alles auf die Grundbedürfnisse runtergeschraubt. Unfreiwillig und unmenschlich, keine Frage, aber es ist sofort zu erkennen, was der Mensch im Prinzip nur braucht, um (aus materieller Sicht) ein zufriedenes Leben führen zu können: Sicherheit, Wohnraum (Privatsphäre ist so unglaublich wichtig), ausreichend Nahrung & saubere/trockene Kleidung sowie medizinische Versorgung. Das war’s. Alles andere ist im Prinzip Luxus, der deine Welt als solche nicht wesentlich besser macht. Ach ja, ein Pass mit dem man in so ziemliches jedes Land dieser Erde reisen kann ist natürlich auch ganz gut.

Den Campbewohnern von Moria fehlen all diese grundlegenden Dinge für ein menschenwürdiges Leben und es tut weh das mit eigenen Augen zu sehen. Ohne das es jetzt all zu dramatisch klingen soll muss ich wirklich sagen, dass ich noch nie zuvor in so viele so traurige Kinderaugen geblickt habe. Die Menschen sind gefangen auf dieser Insel und müssen Monate oder sogar Jahre dort ausharren, bis über ihr Asylverfahren entschieden wird. Allein über einen so langen Zeitraum mit dieser Ungewissheit leben zu müssen, stresst schon gewaltig. Mit ganz viel Pech werden sie dann, nachdem all ihre Ersparnisse für Schleuser und Lebenshaltungskosten drauf gegangen sind, zurück in die Türkei abgeschoben. Nur mit der Kleidung, die sie am Leib tragen und vielleicht noch einem Rucksack mit Wechselklamotten dürfen sie sich dann bis auf Weiteres in einem Land niederlassen, dessen Sprache sie nicht beherrschen, mit wenig bis gar keiner Unterstützung des Staates und höchstwahrscheinlich wieder in einem Zelt. Kinder ohne Kindheit, Erwachsene ohne Hoffnung. Ein Ergebnis des EU-Türkei-Deals.


Was ich in den letzten Jahren gelernt habe: Menschenrechte gelten nicht für jeden, weil sie nicht für jeden gelten sollen. Denn sonst könnten wir unser komfortables Leben in der aktuellen Form nicht weiterführen.

Ein berühmtes Zitat sagt: Wir leben auf Kosten der dritten Welt und wundern uns, wenn das Elend anklopft. Seehofer und viele anderen wollen dieses Klopfen mittlerweile nicht mehr hören, die Tür bleibt zu. Das Ergebnis zeigt sich auf Lesbos. Die Menschen und ihr Wunsch nach einem Leben in Würde werden ignoriert. Aber sie werden dennoch weiter um Einlass bitten, solange wir uns an Stellvertreterkriegen in ihren Ländern beteiligen und die Ärmsten der Armen für die Produktion unserer Supermarkt- und Luxusartikel ausbeuten.


Das Einzige was ich derzeit tun kann ist mich dafür einzusetzen, die Welt mal aus der Perspektive der Anderen zu betrachten. Dazu gehört es auch, die Ursachen für die Kriege neutral zu beleuchten und die jeweiligen Hintergründe zu kennen. Wer die Flüchtlinge nicht will, der darf auch kein Mitwirkender der Ausbeutung sein und das gilt sowohl für Kriegs- als auch für Wirtschaftsflüchtlinge.

Um Ausbeutung und damit verbundene Ungerechtigkeiten zu verhindern bedarf es jedoch umfangreicher Recherchen, eines starken Willens, Großzügigkeit und auch Mut, um sich dem Mainstream entgegen zu stellen. Das ist nicht immer leicht und in Gänze vielleicht auch nicht umsetzbar, aber es ist doch ein sehr guter Anfang, es permanent zu versuchen und unnötige Gelüste bestmöglich zu kontrollieren. Also was hindert euch konkret daran, dass dadurch Ersparte einfach mal zu spenden?

Am Ende werden Menschen nämlich nach ihren Taten bemessen und nicht nach ihren Worten, zumindest in meiner Welt ist das so. Und wer gibt dir die Sicherheit, dass du nicht selbst im Laufe deines Lebens in einem Zelt landen wirst, denn auch in Deutschland kann in den nächsten 50 Jahren (mal wieder) ein Krieg ausbrechen. Spätestens dann wirst du dir wünschen, dass es Menschen gibt, die dir helfen und ein „schrecklich was da passiert, die armen Leute“ wird dich dann nicht satt machen, so viel ist sicher.



Für die Menschen in Moria bleibt mir nur zu hoffen, dass sie ihre Hoffnung nicht aufgeben und irgendwann wieder die Chance auf ein menschenwürdiges Leben bekommen. Mit vier Wänden aus Stein, Strom anstatt offenem Feuer und richtigen Badezimmern, aus deren Leitungen warmes Wasser fließt. Anscheinend auch in Europa keine Selbstverständlichkeit, wer hätte das gedacht…




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