Kellerleben

Kellerleben

Neulich habe ich beim YouTube durchforsten zufällig eine Doku über Wien gesehen, in der es darum ging, dass viele weniger solvente Menschen, oft natürlich Flüchtlinge und Immigranten, Schrottimmobilien zu horrenden Preisen anmieten müssen, mangels anderer Alternativen. In abgeschwächter Form habe ich in Wien auch selbst schon in so einer Wohnung genächtigt, es war jetzt nicht das absolute Horrorhaus, aber es war nicht schön und für meinen Standard, der ja nun mal irgendwie durch das Umfeld automatisch anerzogen ist, gewöhnungsbedürftig. Es war Winter, die Heizung lief so gut wie gar nicht, mir war also kalt und es war allein deshalb schon sehr ungemütlich. Außerdem war es laut, weil die Wohnung zu einer Hauptstraße rausgeht und die Fenster nur einfach verglast sind, sodass man, wenn man im Bett liegt, sogar die Bürgersteig-Gespräche der vorbeiziehenden Passanten wörtlich verstehen kann. Außerdem war die Ausstattung der Wohnung sehr einfach und zum Teil kaputt. Diese 2-Zimmer Wohnung wird bis jetzt von einer 5 köpfigen Familie bewohnt, Kostenpunkt: 950 Euro warm. 

In der Doku ging es jedoch um Schrottimmobilien und Wohnungen, die diesen Standard noch weitaus unterschreiten. Es wurde gezeigt, dass Vermieter häufig die Abstellräume im Keller zu Wohnungen umwandeln (indem sie einfach eine Toilette installieren und den Keller mit ein paar Möbeln vom Sperrmüll dekorieren) um diese dann teuer an Menschen zu vermieten, die im erbitterten Kampf um bezahlbaren Wohnraum fast immer verlieren. Ich weiß noch, dass mich diese Doku seinerzeit wirklich schockiert hat, denn hallo, das hier ist Europa, ein viel gehegter Lebenstraum der dritten Weltländer. Im reichen Europa sperrt man die Menschen doch nicht einfach in fensterlose, feuchte Keller und lässt sie für diese Unterkunft + ein paar Lebensmittel auch noch 10 Stunden am Tag harte Arbeit verrichten oder etwa doch? 

Ich würde jetzt gerne sagen, ich habe das für euch recherchiert, aber Recherchen betreibt man ja freiwillig und ich bin da eher so reingerutscht und war deswegen natürlich entsprechend schockiert. 

Während ich diesen Artikel schreibe, sind wir grade im Urlaub in Athen und waren heute bei einer ägyptischen Familie eingeladen (die Hintergründe wieso, weshalb, warum erläutere ich jetzt an dieser Stelle mal nicht, das dauert zu lange). Man merkte bereits bei der Einladung, dass ihnen ihre Unterkunft sichtlich peinlich ist, denn sie entschuldigten sich schon im Vorfeld dafür und wäre ihnen unser Besuch nicht so wichtig gewesen, hätten sie uns sicher lieber nicht in ihr zu Hause gebeten. Am Haus angekommen war ich zunächst über die schöne Wohngegend verwundert. Es gab viele Orangen- und Zitronenbäume am Straßenrand, die Gegend wirkte gepflegt und nicht vermüllt, wie manch andere Straße der Stadt. Als der Familienvater uns mit den Kindern die Haustür öffnete, kam uns eine gut gekleidete griechische Familie entgegen, ebenfalls Mieter in diesem Haus. Der weitläufige Flur war, wie so oft in südländischen Wohnhäusern, mit Mamorfließen ausgelegt, es gab einen schönen Kronleuchter und kleine Spiegel an der Wand. Aber anstatt die kleinen blitzblanken Treppenstufen mit uns hochzugehen, öffnete der Mann eine dicke Stahltür und führte uns auf betonierten Treppenstufen hinab in den dunklen Keller. Dort standen zunächst abgestellte Dinge wie Fahrräder und Kinderwagen, aber als er eine weitere Tür öffnete waren wir plötzlich im ca. 20 qm großen Wohn-/Schlafzimmer der Familie. Mir stiegen sofort die Tränen in die Augen, aber ich musste mich zwingen einen „das ist doch alles ganz normal“ Eindruck zu machen, damit die Familie sich nicht noch weiter unten fühlt, als sie es im Keller leider notgedrungen schon ist. Ich war geschockt. Die hochschwangere Frau, ein fünfjähriger und ein zweijähriger Sohn, sowie der Familienvater verbrachten ihren Alltag auf zwei schäbigen Matratzen, zwar mit einem kleinen Fernseher in der Ecke, aber ohne einen Funken Tageslicht, im Abstellraum eines moderigen Kellers. In diesen inzwischen gar nicht mehr so seltenen Momenten denke ich unmittelbar: Danke für dieses Leben, in das ich so schicksalshaft hinein geboren wurde lieber Gott, wie anders hätte es doch alles verlaufen können, wäre ich nicht zufällig in einem der reichsten Länder dieser Erde geboren. 

Ich persönlich kann mich ja mit vielen verschiedenen Lebensformen arrangieren und habe in meinem Leben genug Menschen mit wenig Geld und kleinen, teilweise auch schäbigen Wohnungen kennengelernt, aber ein einzelner Raum in dem man ohne Sonnenlicht verharren muss und nicht weiß, ob draußen Nacht oder Tag ist, widerspricht meinen Vorstellungen von einem menschenwürdigen Wohnen. Niemand sollte so leben müssen und es sollte Vermietern auch nicht erlaubt sein, Kellerräume als Wohnraum zu vermieten. Das zeigt einmal mehr wie ignorant diese Gesellschaft sein kann, in der es toleriert wird, dass ein einziger Mensch 112 Milliarden Dollar (das sind 112.000 Millionen!!!) besitzt (hier Amazon-Gründer Jeff Bezos) während andere Menschen täglich um ihre Existenz kämpfen müssen, ohne das auch das jemanden stört. Ich weiß, dass dieser Kampf in vielen anderen Ländern noch weitaus schlimmer ist, aber davon bin ich (noch) kein Augenzeuge geworden, deswegen ist dieses Kellerleben für mich schon sehr grausam. 

Seit der griechischen Wirtschaftskrise verdient ein normaler Arbeiter (im Falle des ägyptischen Familienvaters ein Elektriker) als Vollzeitkraft rund 550 Euro. Kindergeld gibt es seit Jahren nicht mehr und auf staatliche Unterstützung bei Schwangerschaft oder Geburt hofft man als Grieche (oder Immigrant in Griechenland) auch vergeblich. Im Falle von Arbeitslosigkeit bekommt man maximal Nahrungsmittel vom Staat, anfallende Kosten für Miete werden jedoch nicht übernommen, sodass man sich über kurz oder lang schon mal auf die Obdachlosigkeit einstellen kann. 

Damit zurück zu meiner Familie: Die 5 leben nach Abzug der Mietkosten von rund 300 Euro im Monat und man darf hierbei nicht vergessen, dass die Lebensmittel in Griechenland oftmals teurer sind als bei uns. Das Geld reicht also grade so aus um zu existieren, aber das wars dann auch schon. 

Während ich so auf der durchgelegen Matratze saß, auf die Betonwände starrte und über die Ungerechtigkeiten dieser Welt nachdachte, kam mir wieder Jeff Bezos in den Kopf, weil ich kurz zuvor einen Artikel über ihn gelesen hatte. Dort stand folgendes geschrieben: Ein Wimpernschlag dauert etwa 0,15 Sekunden. In dieser Zeit verdient Jeff Bezos 180 Dollar, umgerechnet 157 Euro. Jede Stunde wächst das Vermögen des Amazon-Chefs um 4,315 Millionen Dollar. Am Ende eines Tages ist er um knapp 104 Millionen Dollar reicher.

Wenn es nach mir ginge, müsste das Vermögen, welches ein Mensch pro Kopf maximal besitzen darf, auf eine Summe X beschränkt sein und alles was darüber hinausgeht, den Ärmsten der Armen zufließen. Warum geht es eigentlich nicht nach mir?

Nachdem an diesem späten Nachmittag schließlich alles gesagt war, was es zu sagen gab, stiegen wir etwas schwermütig die Betontreppe wieder hinauf. Beim Öffnen der Haustür stellten wir überrascht fest, dass inzwischen die Nacht hereingebrochen war, der Sonnenuntergang blieb uns dort unten verborgen. Und so unsichtbar wie das Tageslicht, leben auch diese Menschen weitgehend im Verborgenen, zwischen Rohrleitungen und abgestelltem Zeug ihr ärmliches Kellerleben, während andere Menschen nicht mal mehr wissen, wie viele Immobilien, Autos oder Yachten sie eigentlich besitzen…




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