Einmal Gleichberechtigung für alle, bitte

In letzter Zeit traf mich mal wieder die Erkenntnis, dass die meisten Menschen sehr gut darin sind mit dem Finger auf Andere zu zeigen, ihre eigenen Unzulänglichkeiten oder die ihrer Gesellschaft aber eher nicht sehen wollen. Was die meisten Leute nämlich (nur) wollen ist gutes Essen genießen, erholsam schlafen, vielleicht noch mal n netten Urlaub zwischendurch und das andere Menschen lieb zu ihnen sind oder bestenfalls sogar zu ihnen aufblicken. Von diesen Wünschen kann ich mich jetzt auch nicht gänzlich freisprechen, aber ich möchte in erster Linie kein Schaf sein und mir fällt immer mehr auf, wie leicht der menschliche Geist manipuliert werden kann und ich bemühe mich zumindest sehr, dies nicht mehr zuzulassen. Irgendwie ist das Leben doch zu schade dafür, einfach eine Rolle zu spielen. Mit Rolle spielen meine ich in diesem Zusammenhang sich in so gut wie allen Bereichen des Lebens anzupassen, sich fast ausschließlich von Medien, Influencern oder dem allgemeinen Stammtischgelaber beeinflussen zu lassen und diese Meinungen ANDERER dann auch noch so weit zu verinnerlichen, dass man selbst tatsächlich denkt es wäre die eigene Idee, ohne jemals irgendetwas von dem ganzen Quatsch zu hinterfragen. 


In diesem Zusammenhang möchte ich heute auf ein ganz bestimmtes Thema eingehen, da die jüngsten Ereignisse in Indien mich eigentlich ganz automatisch darauf gebracht haben (Achtung, jetzt wird es mal wieder so richtig gesellschaftskritisch und ja vielleicht sollte ich langfristig noch einen Blog machen, auf den diese Art von Thematik besser passt):

Heute hat eine Frau auf Jodel (Plattform für (meist junge) Menschen, auf der man anonym alles zum Besten geben kann, was einen so bewegt) gepostet, wie man den armen Frauen in Indien helfen könne, nachdem dort mal wieder eine Gruppenvergewaltigung mit anschließender Verbrennung des Opfers an die Öffentlichkeit kam. Natürlich ist das absolut schrecklich, ich kann dafür nicht mal angemessene Worte finden, aber was soll eine deutsche Frau (die in Lübeck vorm Schreibtisch sitzt) jetzt realistisch betrachtet bitte dagegen unternehmen? Innere Veränderungen eines Landes und deren Politik können doch letztlich nur die Menschen, die selbst in dem Land leben, hervorrufen (es gibt Ausnahmen, ich weiß) das ist jedenfalls meine Meinung. Natürlich, wenn Menschenrechte missachtet werden will jeder eingreifen und helfen (die Staaten selbst leider meist nur wenn es den eigenen Interessen dient, aber das ist ein anderes Thema) und diese Loyalität mit Fremden ist auch absolut löblich und ich bin total dafür. Aber ich glaube auch daran, dass es die Inder in dem Fall alleine schaffen könnten, sie müssen in erster Linie Präsenz zeigen, für harte Strafen der Vergewaltiger demonstrieren, bereits in der Schule den kleinen Jungs den unschätzbaren Wert einer Frau beibringen and so on and so on.

Es gäbe im Übrigen sonst auch noch eine ziemlich lange Liste von weiteren Staaten, wo man aus Gründen der Mitmenschlichkeit eigentlich eingreifen müsste, es aber nicht tut. Wo soll Deutschland also anfangen und wo aufhören und vor allem wie? Ihr seht es ist schwierig, vor allem wenn es um so etwas wie das Weltbild einer Gesellschaft und Gesetzesänderungen geht (humanitäre Hilfe im Allgemeinen ist natürlich ein ganz anderes Thema und eine wunderbare Sache, ich denke das ist klar).

Deswegen plädiere ich im Moment erst mal dafür, dass Deutschland in Bezug auf Vergewaltigungen/Frauenrechte als allererstes bei sich selbst anfangen sollte. Wenn danach noch Energie, Kraft und Geld vorhanden ist, gerne auch woanders.

Die meisten Menschen machen sich in diesem Zusammenhang leider wenig bis gar keine Gedanken darüber, dass Prostitution in Deutschland erwünscht und deshalb legitimiert ist und was das eigentlich für uns als Gesellschaft beutetet. Ich sehe da nämlich durchaus viele Parallelen zu Indien.

Seit 2002 gilt Deutschland als das Bordell Europas, da wir so ziemlich die liberalste Gesetzgebung im Bereich Prostitution haben. Internationale Unternehmen organisieren fleißig und sehr regelmäßig mehrtätige Rundreisen quer durch unsere Bordelllandschaft und so fühlen sich Sextouristen aus der ganzen Welt super wohl bei uns. Die entsprechende Berichterstattung über Deutschland wird im Ausland mit Thailand verglichen, schon gewusst?

Was wohl jeder weiß, Deutschland ist ein Sozialstaat. Das heißt, theoretisch muss niemand Hunger leiden oder draußen erfrieren. Wenn man diesen Gedanken weiter denkt, dürfte es also nicht viele geistig gesunde, deutsche Frauen geben, die es für erstrebenswert halten, im Prostitutionsgewerbe groß raus zu kommen. Kurz gesagt: Solange die eigene Existenz nicht essenziell bedroht ist (was in First-World-Countries eher selten der Fall ist), wird sich so gut wie keine Frau für diesen Job hergeben. Es ist auch allseits bekannt, dass wenn Deutsche dennoch diesen Weg bestreiten, es sich in den meisten Fällen um Frauen handelt, die Missbrauch und Gewalterfahrungen in der Kindheit erfahren haben und/oder Drogen- und Alkoholmissbrauch betreiben, um ihre seelischen Schmerzen zu vergessen. Sie sind also bereits vorher Opfer gewesen und werden durch diesen vermeintlich freiwilligen „Beruf“ dann vollends kaputt gemacht. So weit, so schlecht. 

Wenn ich von diesen deutschen Frauen spreche, geht es letzten Endes aber natürlich nur um die Minderheit, denn ca. 90 % der Prostituierten in Deutschland kommen aus dem Ausland. Wer sind diese Mädchen und Frauen? Ich denke auch das dürfte allgemein bekannt sein. Es sind meist arme Menschen aus osteuropäischen Ländern (z.B. Bulgarien, Rumänien und Moldawien).

Hier kommen die Menschenhändler ins Spiel, die die Mädchen & Frauen mit vermeintlichen Modellverträgen oder Putzjobs hierher locken, ihnen dann Pässe und Handys abnehmen und sie psychisch und körperlich so lange unter Druck setzen, bis sie gebrochen sind und sich fügen. Wie oft werden diese Menschenhändler eigentlich in Deutschland verurteilt? Ich habe mal gehört, dass Sklaverei seinerzeit abgeschafft wurde und strafbar ist, aber vielleicht bin ich da falsch informiert. Im Grunde muss man doch sagen, dass jeder Zuhälter ein Sklavenhalter ist. Oft müssen sich die Frauen sogar Tattoos mit den Vornamen ihrer Besitzer stechen lassen, damit sie wie eine Kuh in der Herde erkennbar sind.

Oft werden die Frauen von Familienmitgliedern auch direkt dazu gezwungen sich zu prostituieren, um damit die eigene Familie finanziell zu unterstützen, indem sie direkt verkauft werden. Das trifft besonders häufig auch Minderjährige. Väter die ihre Töchter auf den Strich schicken, könnte die Realität dieser Mädchen noch bitterer sein? 

In einem Bericht (BMFSF) über die Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes von 2007 räumt sogar die Bundesregierung höchtpersönlich ein, dass es „soziale Realität [ist], dass viele Prostituierte sich in einer sozialen und psychischen Situation befinden, in der es fraglich ist, ob sie sich wirklich freiwillig und autonom für oder gegen diese Tätigkeit entscheiden können.“ Trotzdem wurde in diesem Gesetz von damals bis heute bei allen Prostituierten die Freiwilligkeit vorausgesetzt. Mitte 2017 wurde dann (zwecks besserem Gewissen) das Prostitutionsschutzgesetz erfunden. Klingt toll, von diesem Schutz profitiert jedoch kaum jemand. Konkret fordert das Gesetz einfach eine Pflichtgesundheitsberatung und dass ein (branchenintern als „Hurenpass“  bezeichneter) Ausweis ausgestellt wird, der die Frauen entsprechend mit Namen, Meldeadresse, Staatsangehörigkeit, Arbeitserlaubnis und Foto registriert/brandmarkt. In der Praxis gibt es – wie man sich bereits vorher hätte denken können – nur sehr wenige angemeldete „Sexarbeiterinnen“, was wohl darin liegt, dass die meisten eben illegal in Deutschland sind und die Arbeit entsprechend nicht freiwillig machen. Wenn wir schon mal von Gesetzen sprechen, erscheint es mir an dieser Stelle sinnvoll mal den Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zu zitieren: 

Artikel 3 GG

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

Ich finde man könnte es durchaus als Ungleichbehandlung und Nachteil auffassen, wenn knapp eine halbe Million Frauen in Deutschland (genaue Zahlen gibt es nicht) zum Vergnügen von Männern sexuell ausgebeutet werden, und zwar täglich. Der Alltag von Prostituierten ist wohl eher nicht selbstbestimmt und nach Würde sucht man da auch vergeblich. Die Frauen sind fast immer unvorstellbarem Druck ausgesetzt, ihr ganzer Tagesablauf wird von Ängsten bestimmt: Angst vor der Gewalt von Kunden, Zuhältern oder Bordellbetreibern, Angst vor Krankheiten oder Schwangerschaften, Angst nicht genug Geld zu verdienen. Circa 68 % der Frauen in Prostitution bekommen daher eine posttraumatische Belastungsstörung durch ihre „Arbeit“, die vergleichbar mit der Belastung von Kriegsveteranen oder Folteropfern ist!!! Kann das sonst noch ein „ganz normaler“ Job in Deutschland hervorrufen, zu dem ihn die Bundesregierung mit ihrem Prostitutionsschutzgesetz so frech deklariert?


Verzeihung, das klingt hier jetzt alles ein bisschen zu unschön, natürlich bedeutet Prostitution in unserer Gesellschaft aber in erster Linie sexuelle Selbstbestimmung der Frau! Wer würde es wagen das anders zu sehen. Wenn Männer den Körper von Frauen kaufen und ihnen dann Schmerzen und Scham zufügen können so viel sie wollen, werden sie zwar zum Objekt degradiert, was ihnen nebenbei bemerkt jegliche Menschenrechte abspricht, aber hey, wenn die Bundesregierung sagt Prostitution sei freiwillig, dann ist das gefälligst auch so! Natürlich spielen die direkten und indirekten Steuereinnahmen in unserem moralischen Staat dabei keine Rolle (die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat einmal geschätzt, dass in Deutschland mit Prostitution jedes Jahr rund 14,5 Milliarden Euro umgesetzt werden).


Während ich das schreibe bin ich mal wieder so froh das wir in Deutschland alle gleichberechtigt sind und die Würde des Menschen unantastbar ist. Na gut, Männer können einen Teil von uns Frauen zum Spiel & Spaß kaufen, aber meistens sind das eh Ausländerinnen, also was soll´s! Hauptsache ICH darf arbeiten gehen, denn das ist Gebot Nr. 1! Man stelle sich vor, wir würden in einem Land leben, in dem käuflicher Geschlechtsverkehr verboten ist und in dem Frauen nicht als Sexobjekte für Werbung, Film und Influencer/innen herhalten müssten, also in so einer Welt will ICH nicht leben! In Deutschland darf ich mich in erster Linie über meinen Körper definieren und das ist gut so! Ich darf aber nicht nur männliche Anerkennung für meine Brüste und knappen Bikinis erhalten, sondern gleichzeitig auch noch mein Geld selbst verdienen, während zuhause der Haushalt auf mich wartet. Ach und mein drei Monate altes Baby muss ich heute Abend auch noch aus der Kita holen, hoffentlich vergesse ich das nicht. Okay vielleicht stresst mich das alles manchmal auch ein bisschen und dann kann ich aufgrund der Doppelbelastung vielleicht nicht ganz so lieb zu meinem Mann sein wie er es normalerweise verdient, schließlich geht er so hart arbeiten und steuert die Hälfte zum Familieneinkommen bei. Wenn ich aber echt gestresst bin und dann ganz viel Pech habe, geht er (wie grade mal 1,2 Millionen Männer PRO TAG) wegen meiner ständigen Gereiztheit vielleicht selbst noch zu den freiwilligen Sexarbeiterinnen, um eben auch mal so richtig Dampf abzulassen. Aber wer könnte es ihm verübeln, da bin ich ja eigentlich auch selbst dran schuld mit meiner nervigen Emanzipation. Deswegen verzeihe ich ihm den mehrmaligen Ausrutscher auch, sonst gehöre ich am Ende noch zu den rund 2,5 Millionen Alleinerziehenden, nein danke! Ok ich schweife ab, so könnte ein potenzieller Freier und dessen Ehefrau zwar tatsächlich aussehen, ist aber eigentlich nur ein überspitztes (?) Gedankenspiel. Zurück zum Thema.           

Die meisten Menschen denken, dass sie Prostitution nichts angeht, solange sie damit nicht selbst direkt etwas zu tun haben. DAS IST FALSCH, denn wir sind alle dafür verantwortlich in was für einer Gesellschaft wir leben. Also zeigt an dieser Stelle bitte alle mit dem Finger auf euch selbst.

Es bereitet mir einfach Bauchschmerzen, wenn ich Sprüche höre wie „Naja, wenn es keine Bordelle mehr gäbe, würde es zu viel mehr Vergewaltigungen kommen, das wäre ja dann auch nicht gut“. Oft kommen solche Aussagen dann auch tatsächlich noch von Frauen, die es nicht nur rechtfertigen, dass Männer das Recht haben jederzeit eine Frau benutzen zu können wenn der Druck eben zu groß wird, sondern mit dieser Aussage wird auch noch suggeriert, dass es ja besser ist, wenn die (unfreiwilligen!) Prostituierten vergewaltigt werden, als deutsche Frauen auf der Straße. Also selbst wenn ihr nur einen kleinen Beitrag leisten könnt/wollt, dann sagt doch zumindest solche dummen Sprüche nicht. Denn kein Mann hat einen Anspruch darauf, sich den Körper einer Frau kaufen zu dürfen und kein noch so ausgeprägter Trieb kann ein Argument sein, um dieses ausbeuterische System zu dulden! 

Es wäre in Deutschland übrigens leicht das bereits in vielen Ländern angewandte Nordische Modell einzuführen, welches die Kunden von Prostituierten kriminalisiert und somit Freier bestraft, nicht aber die Prostituierten selbst. Das nordische Modell bestreitet nämlich, dass Frauen überhaupt selbstbestimmt als Sexarbeiterinnen tätig sein können, was meine vorherigen Ausführungen so ziemlich auf den Punkt bringt. Dieses Modell gilt unter anderem bereits in Schweden, Norwegen, Island, Irland und Norwegen. Auch wenn Prostitution letztlich trotzdem in der Illegalität stattfinden wird, würde der Saat mit einem Sexkaufverbot meiner Meinung nach ein Zeichen in Richtung Gleichberechtigung und Menschenrechte setzen. Aber nicht nur das. Die Staaten, die das Modell bereits eingeführt haben, bewerten es meist als Erfolg. Die Überwindung zu einer Prostituierten zu gehen, ist bei dem ein oder anderen Freier höher, wenn er weiß, es handelt sich um eine Straftat. Statistiken dieser Länder beweisen zudem, dass Vergewaltigungen im Allgemeinen NICHT zugenommen haben. Mit der Legalisierung der Prostitution in Deutschland hat aber auf jeden Fall der Menschenhandel zugenommen, das ist Fakt. Außerdem finden legale Dinge in der Gesellschaft viel mehr Akzeptanz, weil der Staat ja schließlich weiß was gut für Eine(n) ist (…).

Wenn neue Generationen zudem damit aufwachsen würden, dass der Besuch einer Prostituierten illegal ist, verändern sich höchst wahrscheinlich auch der Bezug zu dem ganzen Thema und letztlich gibt es einfach weniger Nachfrage, was dann auch das Angebot verringert. Aber solange die Mehrheit der Deutschen und fast alle Parteien der Bundesregierung gegen ein Prostitutionsverbot sind, wird sich an der Situation dieser armen Frauen wohl gar nichts ändern. Das Sarkastischste daran ist eines der Hauptargumente der Befürworter dieser Menschenrechtsverletzungen: Mit einem Verbot würde man auch die Frauen bestrafen, die freiwillig in der Prostitution tätig sind. Am Tag von mehr als 20 zum Teil sicher auch sehr ungepflegten, seltsamen und gewaltbereiten Männern penetriert zu werden, ist vermutlich nur für eine sehr kleine Gruppe die Erfüllung ihrer (beruflichen) Träume! Aber egal, es lebe die Gleichberechtigung (sofern in Einklang mit dem Wirtschaftswachstum).

Danke Deutschland, könnten doch nur alle Frauen so frei sein wie deine ♡.           



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