Nordzypern in Coronazeiten

Der 10.3.2020, Reisebeginn und Vorfreude auf unseren Zypernurlaub. Mit dem Auto ging es zunächst zu einem Flughafennahen Parkplatz nach Berlin Schönefeld. Nachdem das Auto sicher geparkt war, saßen wir zusammen mit einem älteren Ehepaar in einem Wartecontainer auf dem Gelände bis unser Shuttlebus zum Flughafen uns schließlich dort abholte. Im Warteraum gab es einen Fernseher,  auf N-TV lief ein Bericht, aus dem hervorging, dass aufgrund des Corona-Virus erstmals Veranstaltungen mit über 1.000 Leuten untersagt wurden. Mich interessiert das zu diesem Zeitpunkt alles nicht wirklich, ich war bereits jetzt regelrecht genervt von der zunehmenden Berichterstattung, die nur noch ein Thema kannte: Den Corona-Virus. Ich dachte in dem Moment nur an meinen Urlaub, die Sonne und die wunderbare Luft des Mittelmeeres. Nichts wies darauf hin, dass nur ein paar Tage später die Welt still stehen würde. Auf dem Flughafen in Berlin lief dann auch alles ganz normal ab, Reisende die zu ihren Gates liefen, Menschen ohne Atemschutzmasken, keinerlei Anzeichen, dass uns eine Pandemie bevorsteht. Umso überraschter waren wir, wie man uns dreieinhalb Stunden später am Flughafen Larnaka in Empfang nahm. Weit und breit nicht ein einziger Flughafen-Mitarbeiter, der keine Maske trug.


Kurz nach dem Aussteigen staute sich unsere Gruppe in der Ankunftshalle, es ging nicht vor und nicht zurück. Der Grund: Jeder musste vor dem Verlassen des Flughafens einen Fragebogen ausfüllen, in dem er über Aufenthaltsort und vergangene Reisen Auskunft geben musste. Ebenso galt es, den eigenen gesundheitlichen Zustand einzuschätzen und hierzu entsprechende Angaben zu machen. Nachdem das erledigt war ging es weiter zum Fieber-Check, der von Ärzten in Ganzkörperschutzanzügen, Atemmasken und Schutzbrillen durchgeführt wurde. In dem Moment hätte mir erstmals der Ernst der Lage klar werden können, aber ehrlich gesagt fand ich es einfach nur recht amüsant, weil ich es in dem Moment einfach für vollkommen übertrieben hielt. Schließlich kam ich gerade von einem Flughafen an dem nichts dergleichen durchgeführt wurde und die Deutschen sind ja eigentlich auch eher als umsichtiges Volk bekannt. So hielten sich meine Sorgen weiterhin in Grenzen. Grenzen spielten dann auch direkt im Anschluss an dieses Prozedere und auf der gesamten Reise eine wichtige Rolle, denn man wollte meinen Mann zunächst nicht einreisen lassen. Wir wurden in das Polizeibüro der Flughafen-Halle geführt und sollten erst mal unsere Heiratsurkunde vorzeigen (die man natürlich im Urlaub grundsätzlich dabei hat). Da mein Mann recht gut griechisch versteht, konnte er mir den nachfolgenden Dialog zwischen dem Polizeibeamten und seinem Vorgesetzten übersetzen. Nachdem der Vorgesetzte fragte, woher wir eingereist sind und dieser ihm Deutschland zur Antwort gab, schrie er den Beamten, der uns hergebracht hatte an, er solle uns sofort aus seinem Büro entfernen, was ihm denn einfiele uns überhaupt zu ihm zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir natürlich noch nicht, dass es Deutsche waren, die den Virus einen Tag vorher nach Zypern eingeschleppt hatten. Nachdem wir unsere Heiratsurkunde dann doch online nachweisen konnten, durften wir schließlich einreisen. Wir entschieden uns für die Fahrt mit einem Shuttle-Bus, da dieser natürlich wesentlich preiswerter ist als ein Taxi. Was wir jedoch ebenfalls nicht wussten war, dass uns dieser Bus zwar in unserem Zielort der Hauptstadt Nikosia absetzen würde, leider jedoch irgendwo in der Pampa, 10 km entfernt vom Grenzübergang nach Nordzypern und unserer dort gebuchten Ferienwohnung. Beim Aussteigen aus dem Bus lernten wir dann aber zwei Männer kennen, die das gleiche Ziel hatten wie wir. Glücklicherweise kannte sich einer der Beiden, ein schwarzer Arzt aus London, sehr gut aus und wusste zu welchen Grenzübergang er den Taxifahrer weisen musste, da bereits mehrere Übergänge aufgrund der Corona-Krise geschlossen worden waren. Während der Fahrt waren wir etwas verwundert, dass sich dieser Arzt direkt eine Hightech-Virenmaske aufsetzte, nachdem er ins Taxi eingestiegen war. Hier bekam ich erstmals ein etwas mulmiges Gefühl, bis dato sah ich in der Coronakrise keinen direkten Bezug zu mir selbst, aber wenn sich dieser noch relativ junge Arzt so vehement schützte, musste vielleicht doch etwas dran sein an der ganzen Aufregung. Er erklärte uns die Gefahr auf eine Art und Weise wie ich sie vorher in den Medien noch nie vernommen hatte. Dass die Gefahr vor allem darin bestehe, dass es sich hier um einen Virus handelt, gegen den es noch keine Heilung gibt und wenn es zu einer Mutation kommt – was relativ wahrscheinlich sei – könne der Virus natürlich auch noch wesentlich ansteckender und tödlicher werden. Mit solchen Gesprächen begann unser Urlaub, aber dennoch überkam uns immer wieder ein Gefühl von prickelnder Spannung und irgendwie hatte ich auch von Anfang an den Eindruck, dass dieser Urlaub etwas ganz Besonderes wird. Denn auch während der Taxifahrt steigerte sich unsere Aufregung bei der Frage: Werden wir überhaupt über die Grenze nach Nordzypern einreisen dürfen? Mein Mann hat keinen deutschen Pass, sondern nur eine Aufenthaltserlaubnis, sodass wir eigentlich von Anfang an nicht wirklich sicher waren, ob wir unsere Ferienwohnung letztlich erreichen würden. An den Grenzen kam es dann auch zu längeren Wartezeiten und kurzen Befragungen. Zusammen mit uns versuchte ein Paar aus Barcelona einzureisen, der Mann war jedoch italienischer Staatsbürger und somit nach Auffassung der Grenzbeamten besonders Corona-gefährdet. Trotz dessen, dass der Italiener den Grenzbeamten seinen Mietvertrag für eine Wohnung in Barcelona zeigte (das war kurz bevor bekannt wurde, dass Spanien fast genauso schlimm betroffen ist wie Italien) und versicherte, er sei seit Jahren nicht mehr in Italien gewesen, ließ man ihn letztlich nicht einreisen. Ich könnte mir vorstellen, dass es in dieser Nacht das allererste Mal war, dass ein Europäer an der Grenze abgewiesen, während ein syrischer Bürgerkriegsflüchtling eingelassen wurde. Und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das in dem Moment nicht auch ein bisschen gefreut hat (gemein ich weiß).



Als wir in der Nacht dann endlich unsere Ferienwohnung erreicht hatten und uns am nächsten Morgen ein sonniger Tag bevorstand, war schon wieder aller Stress vergessen. Mit den Fahrrädern unseres Vermieters erkundeten wir Nikosia, frühstückten bei einem alten Opa, der vor dem im Kolonialstil erbauten Gerichtshof Nordzyperns an einem selbstgezimmerten Stand Sandwiches verkaufte (die er je nach Geschmack frisch belegte, per Hand, denn da war auch noch alles ok) und ließen es uns einfach gut gehen. Wir entdeckten die Stadt, besuchten die Karawanserei Büyük Han, die Selimiye-Moschee, tranken Kaffee in der Markthalle Bandabuliyamit, kamen mit vielen Einheimischen ins Gespräch und lernten so dieses Land und seine Bewohner besser kennen. Wir überquerten mit unseren Fahrrädern nach Lust und Laune die Grenzen vom türkischen in den griechischen Teil und zurück. Nun wurde allerdings schon bei jeder Überquerung Fieber gemessen, aber das trübte unsere Laune nicht und wir sahen es einfach als kostenlosen Gesundheitscheck.



Am nächsten Tag nahmen wir uns – trotz anfänglicher Bedenken bezüglich des Linksverkehrs – einen Mietwagen, um auch die Umgebung besser kennenzulernen und natürlich auch mal ans Meer zu fahren. Leider war der zweite Tag zunächst verregnet, aber am Nachmittag hörte es auf und wir fuhren einfach mal völlig ziellos durch die Gegend. So entdeckten wir wunderschöne Plätze, einen Wald in dem wir einen herrlichen Spaziergang unternahmen (das beste war der Geruch nach Frühling & Regen in Kombination mit der wieder scheinenden Sonne).


Auf diesem Trip erreichten wir dann auch völlig zufällig die Hala Sultan Camii Moschee, die direkt neben einer großen Bundesstraße vor den Toren Nikosias liegt.


Wir waren dort zunächst komplett alleine, genossen den Anblick der Moschee im Licht der untergehenden Sonne und als der Gebetsruf erklang, öffneten sich die Türen der Moschee und wir konnten eintreten. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Moscheen aufgrund des Coronavirus bereits nur noch zu den Gebetszeiten geöffnet (nicht mehr ganztägig für allgemeine Besucher), deswegen waren wir froh, dass wir diesen Anblick noch sehen durften.

Wir trafen zufällig auf einen netten Einheimischen, den wir bereits am Morgen in der Stadt kennengelernt hatten und fuhren am späten Abend zufrieden zurück in unser kleines Apartment.

Der nächste Tag wurde dann zu einem Schlüsselmoment in meinem Leben. Wir fuhren nach dem Aufstehen direkt los, mit dem Ziel: Golden Beach. Der Golden Beach gilt nämlich als Nordzyperns schönster Strand. Er ist einer von vielen kleinen und größeren idyllischen Küstenstreifen der vegetationsreichen Karpaz-Halbinsel. Deren große Besonderheit ist ihre Abgelegenheit und die damit einhergehende Menschenleere, sowas lieben wir natürlich (wer nicht?). Allerdings war dieser Trip auch mit einer zweistündigen Autofahrt (pro Weg) verbunden, aber das war uns in dem Moment egal. Wir wollten schön unterwegs frühstücken, in irgendeinem etwas abgelegeneren Dorf, um so noch mehr verschiedene Eindrücke zu sammeln und vielleicht noch ein paar interessante Menschen kennenzulernen. Leider gab es von diesem Zeitpunkt an überhaupt kein auswärtiges Essen mehr, wie wir kurze Zeit später erfahren sollten. Die Polizei forderte jedes Ladenlokal zur sofortigen Schließung auf. Leider war das immer unmittelbar vor unserem Eintreffen, da die vorherigen Gäste teilweise noch nicht mal ihre Teller ganz aufgegessen hatten. Aber nun ja, die Corona-Krise fing nun an, einen merklichen Einfluss auf unseren Urlaub zu nehmen.

So blieb uns letztlich nur ein kleiner überfüllter Supermarkt, in dem wir ziemlich lange für ein bisschen Brot und Käse anstehen mussten. Als wir den Golden Beach Stunden später erreichten, hielten wir schließlich ein kleines Picknick am Strand ab und redeten uns ein, dass in Nikosia bestimmt noch alle Läden aufhätten und wir weiterhin leckere Dinge ausprobieren könnten.



Auf der Rückfahrt schlug ich vor, noch schnell tanken zu fahren, damit wir den Mietwagen am nächsten Tag mit der gleichen Tankfülle zurückgeben könnten, wie wir ihn erhalten hatten. Spontan entschloss ich mich noch ein Eis in der Tankstelle zur kaufen, denn diese kleinen Genüsse waren ja trotz den restlichen Schließungen immer noch möglich. Wir fuhren weiter und waren jetzt ungefähr 10 Fahrminuten von unserer Ferienwohnung entfernt, als mein Mann einmal versehentlich die falsche Ausfahrt in einem Kreisverkehr nahm. Dies kostete uns einen Umweg von circa 5 Minuten. All diese Dinge führten dazu, dass das Schicksal uns in Form eines über 120 km/h schnellen Autos traf, als der Fahrer beim Überholvorgang nicht richtig aufpasste. Rechts vor uns war schon die wunderschöne Moschee zu sehen, über die wir uns unterhielten und grade als ich auf das Thema Abendessen zu sprechen kommen wollte, hörte ich einen unglaublich heftigen Knall, bei dem ich zunächst dachte, der Motor sei explodiert. Gleichzeitig wurden wir aber nach vorne gegen die Fahrbahn-Begrenzungsmauer geschleudert und im nächsten Moment gab es keine Kontrolle mehr über das Auto. Drei Mal drehten wir uns über die Autobahn, ich sah andere Autos auf uns zu rasen und der einzige Gedanke, den ich in diesem Moment fassen konnte war: Ich sterbe jetzt.

Ich war seltsamerweise aber total ruhig, weil mir klar war, dass ich in dieser Situation völlig macht- und hilflos bin und es nicht in meiner Hand liegt, ob ich weiterlebe oder sterbe. Das Einzige was ich zu meinem Mann sagte war, bitte nicht vor den Baum, als wir auf eben diesen zu rasten. Es war wirklich unglaublich, wie mein Mann in diesem Moment gegenlenkte und allem Übel auswich. So landeten wir am Ende dieser Schrecksekunden, die mir jedoch wie Minuten vorkamen, in einem Graben.

Als ich schließlich realisierte was da soeben geschehen war, brach ich in Tränen aus und konnte mich für die nächsten 20 Minuten kaum beruhigen. Das Schockierende war für mich vor allem die Banalität, aus der wir in dem Moment hinausgerissen wurden und in der nächsten Sekunde plötzlich um unser Leben fürchten mussten. Darüber hinaus hatte ich aber auch Schmerzen in meiner Halswirbelsäule und Angst, dass da was zerstört worden war. Der Unfallverursacher entschuldigte sich immer wieder bei mir, gab jedoch auch zu, dass er mindestens 30 km/h zu schnell und tatsächlich auch von seinem Smartphone abgelenkt gewesen war. Dennoch versuchte er der Polizei dann noch weis zu machen, dass es auch unsere Schuld gewesen sei, da wir zu weit auf die andere Fahrbahn rübergezogen seien (was aber absolut nicht stimmte und die Polizei auch später anhand irgendwelcher Messungen ausschloss).


Hier kam es zum ersten Zusammenstoß

Einer der Polizisten rief mir aufgrund meiner Schmerzen einen Krankenwagen und schließlich fand ich mich auf einer Liege wieder. Was jetzt kam war auch nicht wirklich zum runterkommen. Mein zum Glück unverletzter Mann durfte mich nicht ins Krankenhaus begleiten, er wurde mit dem Unfallverursacher zusammen aufs Polizeirevier gebracht und so musste ich da leider alleine durch. Auf der Liege im Krankenwagen wurde ich nicht angeschnallt, dennoch raste der Wagen mit Sirene los und vom ständigen Bremsen und Beschleunigen rutschte ich permanent vor- und zurück, was aufgrund meiner Schmerzen und des soeben erlitten Schocks nicht wirklich förderlich war. Im nächsten Moment hatte ich irgendwas im Arm stecken, die Sanitäterin, die leider nur türkisch sprach, murmelte irgendwas von Injection und da ich leider meinen Kopf nicht heben konnte um nachzuschauen, konnte ich gar nicht zuordnen, was ich sie mir da jetzt gespritzt hatte, vermutete aber ein Schmerzmittel. Als diese Horrorfahrt schließlich ein Ende fand, wurde ich ins Krankenhaus zu einem Arzt geschoben, der eine erste Untersuchung vornahm. Danach fand ich mich in einem Bett zwischen zwei türkischen Opas wieder, in einem großen Krankenhaussaal, in dem ganz viele Betten nebeneinander stehen, die man mit einer Gardine zuziehen kann, wenn man denn Privatsphäre will. Hier wartete ich zunächst auf meinen CT-Termin. Als dem Krankenhauspersonal jedoch bewusst wurde, dass ich Deutsche bin, musste ich dieses Bett verlassen und wurde von den anderen Patienten separiert. Das Krankenhauspersonal dachte ich hätte Corona. Die nächsten drei Stunden verbrachte ich deshalb mit mehreren Gesichtsmasken übereinander in einer Abstellkammer, in der ansonsten nur Verbandszeug und andere Verbrauchsgegenstände aufbewahrt wurden. Ich bekam eine ziemlich heftige Migräne, konnte durch die Masken nicht richtig atmen und musste häufiger die Toilette aufsuchen, die ich jedoch dann versuchte nicht zu benutzen, weil es dort seltsamerweise nur eine nicht verschließbare Schiebetür mit einem Fenster drin gab, sodass leider überhaupt keine Privatsphäre gegeben war.

Irgendwann wurde ich dann in einem Rollstuhl zum CT geschoben, leider sprach auch hier niemand Englisch, sodass ich keine Erklärung kriegen konnte, was da jetzt genau abläuft. Ich machte mir zudem große Sorgen, ob und wann ich meinen Mann wiedersehen würde, denn ich hatte weder ein Handy dabei, noch wusste ich, wo ich mich genau befand und die Adresse von unserer Ferienwohnung kannte ich natürlich auch nicht auswendig.

Nach Stunden des Wartens und einer Entwarnung, die das CT ergeben hatte (nur ein Schleudertrauma), stand irgendwann mein Mann mit mehreren Polizisten in der Tür und mich überkam eine unglaubliche Erleichterung. Auch als mir dann noch mitgeteilt wurde, dass ich weder für den Krankenwageneinsatz noch für das CT irgendetwas bezahlen muss (da Nordzypern nicht zur EU gehört war ich auch nicht krankenversichert), fiel die Erleichterung natürlich noch größer aus. An dieser Stelle muss ich auch noch mal darauf hinweisen, dass die Polizisten wirklich sehr nett waren und ich denke, dass auch das Krankenhaus mit den zur Verfügung stehenden Mitteln (auch wenn diese leider recht bescheiden sind) das Beste gibt. Ich finde es jedenfalls nach wie vor super nett, dass ich diese Behandlung trotz aller Umstände kostenlos erhielt und man wirklich versuchte mir zu helfen (ist ja auch nicht ihre Schuld das ich kein türkisch spreche 🙂 ).

Ich entließ mich daraufhin jedenfalls selbst und da wir beide erst mal genug von Autos hatten, liefen wir die drei Kilometer zu unserer Ferienwohnung zu Fuß durch die Nacht. Ich weiß nicht, ob ich schon jemals so eine tiefe Dankbarkeit empfunden habe, wie in diesem Moment. Wir waren noch da und es ging uns gut.

Ungefähr in diesem Moment, als wir Hand in Hand durch die Nacht liefen und unser Glück kaum fassen konnten, wurden ein paar Kilometer weiter alle noch offenen Grenzen dicht gemacht. Das sollten wir allerdings erst am nächsten Morgen erfahren.


Am darauffolgenden Tag planten wir eine Erkundungstour im griechischen Teil. So fuhren wir mal wieder mit dem Fahrrad zur Grenze. Aber diesmal ließ man uns nicht passieren. Alle Grenzen seien zu, es gäbe bis auf Weiteres keine Möglichkeit mehr in den griechischen Teil zu kommen. Ziemlich blöd für uns, da ja leider unser Flugzeug vom Flughafen im griechischen Teil zurückflog. Ich konnte und wollte das erst mal nicht hinnehmen. Aber bis zu unserer Abreise wären es ja sowieso noch drei Tage, bis dahin würden wir schon irgendwie auf die andere Seite kommen, so dachte ich. Ich schrieb die Deutsche Botschaft in Nikosia an, die mir aber leider kurze Zeit später mitteilte, sie könne uns im Norden nicht helfen. Da Nordzypern völkerrechtlich nicht anerkannt ist, gibt es in diesem Teil auch kein richtiges Konsulat. Die Grenzbeamten auf der türkischen Seite wiesen uns bereits im Vorfeld daraufhin, dass wenn wir aus Nordzypern ausreisen, um auf der griechischen Seite um Einlass zu bitten, man uns hier nicht mehr einreisen lässt, da Deutsche nach neuem Coronarecht nicht mehr ins Land gelassen werden. Wenn die Griechen uns dann allerdings auch nicht reinlassen, wären wir in der Mitte, zwischen den beiden Grenzübergängen, in der sogenannten Pufferzone, gefangen.

Die Waffenstillstandslinien, auch Green Lines genannt (dazwischen ist die Pufferzone), erstrecken sich über 180 Kilometer durch die ganze Insel. In einigen Abschnitten ist die Pufferzone nur wenige Meter breit, sie kann aber auch bis zu mehrere Kilometer breit sein. In diesem menschenleeren Grenzgebiet verstauben Hinterlassenschaften aus den Siebziger Jahren, dort gibt es nur Geisterstädte – keine Hotels oder Restaurants, einfach nichts.



Sollten wir das riskieren und einfach auf die Empathie der Griechen hoffen, damit wir irgendwie unseren Rückflug antreten könnten? Wir waren unsicher. Die einzige Alternative die sich uns ansonsten bot war eine illegale Grenzüberquerung, die wir, je mehr wir darüber nachdachten, immer intensiver in Betracht zogen. So verbrachten wir fast einen kompletten Tag mit der Überprüfung möglicher Grenzübergänge, in dem wir mit dem Fahrrad verschiedenste Stellen abfuhren, die uns auf Google Maps als geeignet erschienen. Wir unterhielten uns sogar mit UN-Soldaten und Einheimischen und machten auch kein Geheimnis aus unserem Plan, denn schließlich war unsere einzige Bestrebung, irgendwie wieder nach Hause zu kommen und ich empfand das als unser gutes Recht. Schließlich fanden wir einen geeigneten Übergang und eine Lücke im Stacheldrahtzaun. Ein direkter Anwohner beobachtete uns bei unser Erkundung und wir kamen mit ihm ins Gespräch. Er riet uns grundsätzlich von diesem Vorgehen ab, gab uns aber dennoch einige Tipps, wie und wann wir es am besten versuchen sollten. In der Dämmerung fuhren wir zurück, mit dem festen Entschluss in der Nacht wiederzukommen und die Grenzen zu überqueren. Zurück in der Ferienwohnung begann ich sofort damit unsere Sachen zu packen, ich wollte einfach nur noch nach Hause. Die letzten drei Tage hatten wir Reis mit Bohnen gegessen, weil uns nur ein einziger Topf und ein Gaskocher zur Verfügung stand und ich hatte seit Tagen unglaublich schlecht geschlafen. Bei dem Gedanken, hier nun vielleicht noch über Monate festzusitzen, bekam ich Panik. Wir wollten unseren Flieger kriegen – egal wie. Während ich packte, traf sich mein Mann mit unserem Vermieter, um ihm die Schlüssel zurückzugeben und sich zu verabschieden. Erst nach einer guten Dreiviertelstunde kam er zurück und berichtet mir von einem neuen Plan. Unser Vermieter, der selbst in früheren Zeiten mal als Grenzsoldat gearbeitet hatte, mobilisierte seine Kontakte von damals. Er vereinbarte mit seinen ehemaligen Kollegen uns augenblicklich zur Grenze zu bringen und dass, sofern wir von den Griechen abgewiesen würden, wir zurück in den türkischen Teil kommen dürfen, ohne in der UN-Pufferzone verharren zu müssen. Das war eine Chance, die wir natürlich nutzen mussten.

Der Weg zur Grenze war wieder abenteuerlich. Nicht nur das unser Vermieter augenscheinlich betrunken war, ich musste dann auch noch hinten auf der Ladefläche seines Bullis auf einem Sofa Platz nehmen. Aber mir war zu diesem Zeitpunkt auch schon fast alles egal, meine Gedanken galten ausschließlich dem nun folgenden Grenzübertritt. Die Polizisten vor Ort hielten sich an die Vereinbarung, wir ließen unsere Sachen zunächst auf der türkischen Seite und liefen nur mit unseren Pässen durch die Pufferzone zum griechischen Grenzübergang. Wie die griechischen Grenzsoldaten uns schon von Weitem beobachten, werde ich auch nie vergessen. Wir kamen uns vor wie zwei Hasen, die auf eine Horde Wölfe zulaufen. Ganz so schlimm war es natürlich nicht, aber zu meinem großen Schock ließen sie uns trotz meiner tränenreichen Überzeugungsversuche tatsächlich nicht einreisen. Darüber hinaus behaupteten sie, dass unser Flugzeug sowieso nicht mehr fliegen würde, obwohl der Fug auf der Website der Fluggesellschaft noch als planmäßig gelistet war (und am darauffolgenden Tag auch tatsächlich flog, nur eben ohne uns).

Völlig enttäuscht fuhren wir zurück zur Wohnung. Die Grenzbeamten in Nordzypern rieten uns noch – als einzig verbleibende Möglichkeit – einen Flug vom Flughafen Ercan zu buchen. Ich dachte, dass wir da auch direkt Probleme bekommen, weil jeder Flug in Nordzypern erst einmal über die Türkei geht und mein Mann ohne Visum dort gar nicht einreisen darf. Außerdem hatte die Türkei zu diesem Zeitpunkt bereits alle Flüge nach Deutschland eingestellt, so hieß es in den Medien. Transitflüge seien aber trotzdem noch möglich und so buchten wir einen Flug, um kurze Zeit später festzustellen, dass dieser an einem anderen Flughafen in Istanbul weiterfliegt, als an dem er zuvor landen würde. Da mein Mann das Flughafengebäude aber nicht verlassen würde dürfen, konnten wir diesen Flug auch vergessen.

Wir fanden noch einen weiteren Flug zwei Tage später, der noch nicht ausgebucht war und am selben Istanbuler Flughafen landen und 11 Stunden später nach Berlin starten würde. Eine Stunde nachdem wir diesen Flug gebucht hatten dann eine neue Schocknachricht in allen Medien: Die EU schließt ab Mitternacht alle Außengrenzen. Neeeeeeeiiin. Ich verlor langsam meine Hoffnung. Obwohl ich bereits vor dieser Reise viel Empathie (aufgrund zahlreicher persönlicher Berührungspunkte) mit Flüchtlingen empfand, wurde mir auf einmal so richtig deutlich wie es sich anfühlt, gefangen zu sein, Grenzen nicht überqueren zu können und von dem guten Willen irgendwelcher Politiker abhängig zu sein. Ein absolut furchtbares Gefühl.

Doch zwei Tage später hatten wir dann doch unglaubliches Glück: Wir erwischten den allerletzten noch stattfindenden Flug nach Istanbul um 20.30 Uhr, ab Mitternacht wurde sämtlicher Flugverkehr eingestellt.

Auch am Flughafen in Istanbul ging das Bangen natürlich weiter, weil nach und nach immer mehr Flüge gestrichen wurden. Würde das mit unserem Flug auch passieren, kämen wir in eine absolut unangenehme Situation, da mein Mann diesen Flughafen nicht verlassen dürfte und wir uns dann erst mal dort einrichten müssten. Bereits einen Tag vorher setzte ich mich deshalb auch mit der Deutschen Botschaft in Istanbul in Verbindung, denn in den Medien hieß es schließlich, dass 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt wurden, um Deutsche aus dem Ausland zurückzuholen. Die Deutsche Botschaft teilte mir dann allerdings mit, dass das für uns nicht gilt und wir uns selbst um unsere Rückreise zu kümmern hätten, zur Not eben auf dem Landweg. Wie das gehen soll, wenn man noch nicht mal aus dem Flughafengebäude rauskommt und darüber hinaus bereits vor der Coronakrise die meisten Grenzen aufgrund der Flüchtlingskrise dicht waren, blieb ein großes Fragezeichen.

Nach einer recht unruhigen Nacht in einer sogenannten Schlafkabine des Flughafens schließlich die Erleichterung: Unser Flug wurde nicht storniert. Nachdem mein Mann dann zwar noch am Gate einem kleinen Sprachtest unterzogen wurde (theoretisch hätte er der Pass ja auch jemand anderem gehören können und er versucht nur illegal nach Deutschland einzureisen), saßen wir im Flieger. Zwar waren wir von Berlin Schönefeld gestartet und landeten nun auf dem Flughafen Berlin Tegel, aber das konnte meine Laune nicht mehr im Geringsten trüben.

Mit dem Taxi ging es schließlich zurück zum Parkplatz, wo wir vor 10 Tagen unser Auto in heller Vorfreude abgestellt hatten. Unterwegs berichtete uns der selbstständige Taxifahrer von seinen Existenzängsten, davon dass er seine Krankenversicherung nicht mehr bezahlen könne, sein Sohn dessen Hochzeit absagen musste und anderen Problemen, die die Folgen der aktuellen Pandemie auslöste.

Und dagegen erschienen mir meine Probleme mit einem Mal wieder ganz klein…



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