Alleinsein-Tage

Alleinsein-Tage

Mehrmals im Jahr bekommen mein Mann und ich Übernachtungsbesuch, eigentlich würde ich sogar sagen, dass es keinen Monat ohne Besuch gibt. In den Sommermonaten dann noch etwas mehr als im Rest des Jahres. 

Ich freue mich immer über meine Gäste und empfinde es so gut wie nie als Belastung wenn meine Herzensmenschen anreisen. Wir haben fortwährend eine tolle Zeit zusammen und meistens springt das Urlaubsfeeling der Anderen direkt auf mich über. Wenn wir ein Fischbrötchen am Hafen essen, mit dem Fahrrad ans Meer fahren oder auf der Wakenitz Stand-Up-Paddling probieren, sehe ich meine Umgebung oft selbst als Tourist und durch diese Augen wird mir dann noch bewusster, wie schön es hier eigentlich ist. Dieses Gefühl ist einfach toll. Genauso natürlich der direkte Austausch und das einfache Beisammensein mit Familie & Freunden.

Was ich jedoch im Laufe der letzten Jahre auch zu schätzen gelernt habe ist das Alleinsein. Etwas was ich früher weder konnte noch wollte. 

Durch unseren Umzug nach Lübeck gab es aber erst mal keine sozialen Kontakte im direkten Umfeld mehr und dadurch, dass ich mir nach dem Umzug auch noch eine 9-monatige Auszeit von allem genommen habe, auch keine großen Optionen dies zu ändern. Zuerst dachte ich mir dann oft „okay wo kriegst du denn jetzt mal neue Freunde her“ und habe dann auch aktiv versucht dieses Problem zu lösen, aber letztlich war die Suche häufig mit Enttäuschungen verbunden und irgendwie auch sehr anstrengend, sodass ich die Sache auch schnell wieder aufgab. Da mein Mann zu dieser Zeit bereits viel gearbeitet hat, fand ich mich plötzlich also ganz alleine im Alltag wieder. Wo vorher ein Vollzeitjob war, der auch häufig in meine Freizeit übergeflossen ist (mein Fehler), standen plötzlich rund 16 freie Stunden pro Tag die gefüllt werden wollten. 

Ich hatte also erstmals schlicht und einfach keine andere Wahl als es mir entsprechend alleine gemütlich zu machen. 

Da ich – wie viele Deutsche- automatisch ein schlechtes Gewissen habe bei gutem Wetter zuhause zu bleiben und unser Umzug auch pünktlich zum Frühling abgeschlossen war, zog es mich so gut wie jeden Tag nach draußen. Ich meldete mich in einer Bücherei an, in der man jeden Donnerstag kostenlos Bücher ausleihen und bei Gebäck & Tee an Gesprächskreisen teilnehmen konnte und las ungefähr zwei Bücher pro Woche. Meist fuhr ich dazu mit dem Zug ans Meer oder setzte mich in den Schulgarten. Oft kam ich in dieser Zeit auch in Kontakt mit älteren Menschen, die sich neben mich auf die Bank setzten und in mir eine gute Zuhörerin fanden. 

Allein oder gemeinsam?

Bald darauf fing ich dann an auch alleine in Cafés zu gehen, zwar immer mit Büchern bewaffnet, aber trotzdem hin und wieder innehaltend das Treiben um mich herum beobachtend. Ich nahm plötzlich die vielen (meist älteren) Menschen war, die ebenfalls alleine an ihren Tischen saßen und empfand dieses Alleinsein plötzlich nicht mehr als schlimm. Natürlich hatte ich –im Gegensatz zu vielen dieser Menschen-  immer die Gewissheit, dass ich abends meinen Mann sehen, irgendwann wieder arbeiten und dies kein dauerhafter Zustand sein würde. Dadurch fühlte ich mich nicht wirklich einsam sondern war schnell recht zufrieden mit meinem Alleinsein. 

Nur Bücher zu lesen und durch die Gegend zu schlendern wurde mir dann aber auch irgendwann zu langweilig. Als ich gar nicht mehr damit rechnete fand ich plötzlich eine Freundin, die mich sofort mit ihrer kreativen Art ansteckte und mit der ich mich fortan einmal die Woche zum Malen traf. Schon bald darauf meldete ich mich bei einem VHS-Kurs an und erlernte das Nähen. Früher hätte ich mich nie alleine zu einem Nähkurs angemeldet, sondern auf jeden Fall versucht, eine Freundin für die Idee zu begeistern. Da das hier jedoch nicht zur Debatte stand, ging es dann auch problemlos alleine und machte trotzdem viel Spaß. Ich fing an Dinge auszuprobieren und mich nicht mehr unwohl dabei zu fühlen, alleine irgendwo aufzuschlagen. Was folgte waren ein Ehrenamt, Klangschalenmeditation, Museumsbesuche, Arabischkurse, eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio und letztlich auch mein schöner Garten. Alles Dinge die ich tun und ausprobieren wollte, alleine. 

Für manche Menschen mag das alles gar nichts Besonderes sein, ich kenne junge Frauen die alleine in den Kosovo trampen, ohne Partner in fremde Städte ziehen oder gleich die ganze Welt bereisen. Aber jeder Mensch hat ja sozusagen seinen eigenen Horizont und meiner hat sich eben im Laufe der letzten Jahre dahingehend erweitert, als dass ich mir diese „bescheideneren“ Dinge nun auch alleine zutraue und das Beste: Spaß daran habe. Sich mit niemandem abstimmen zu müssen, frei wählen zu können und einfach total flexibel zu sein gibt einen wunderbaren Antrieb.

Und so kam es, dass ich das Alleinsein mehr und mehr schätzen gelernt habe und diese Zeit inzwischen auch brauche. Wenn ich dann nach einer intensiven Zeit, in der quasi permanent Menschen um mich rum sind, wieder alleine bin, empfinde ich stets so etwas wie eine neu gewonnen Freiheit in einer Welt, in der es plötzlich wieder hauptsächlich mich und meine eigenen Bedürfnisse gibt. Diese Alleinsein-Tage direkt nach Besuch sind für mich dann immer so etwas wie ein Geschenk, meine Zeit gehört plötzlich wieder nur mir. Nach einer Weile klingt dieses Gefühl dann auch wieder etwas ab und ich freue mich auf den nächsten Gast, aber bis dahin genieße ich die Zeit alleine oder natürlich mit meinem Mann wesentlich intensiver als sonst. Wie bei so vielen Dingen im Leben kann ich abschließend als Erkenntnis des Tages sagen: Die Mischung macht´s halt irgendwie.



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