Malta, Malta

Einfachheit ist das Resultat der Reife, das wusste schon Friedrich Schiller oder wer auch immer sonst dieses schlaue Zitat zuerst in die Welt hinausgerufen hat. In meinem letzten Beitrag ging es um Achtsamkeit und auch mein erster richtiger Urlaub in diesem Jahr hat wieder mit diesem Thema zu tun. Ich habe bereits in meinen vergangenen Urlauben immer wieder festgestellt, dass ich dieses Mainstream-Sightseeingprogramm für Touristen schlichtweg hasse und eigentlich so gut wie nie begeistert bin von den tollen Hotspots die auf den verschiedensten Blogs, in Reisemagazinen und den klassischen Reiseführern angepriesen werden. Immer wird die Atmosphäre des jeweiligen Place-to-see schon genau beschrieben, mit zahlreichen Fotos untermauert und zig Kommentaren versehen, sodass ich eigentlich schon vorher genau weiß, wie es dort letztlich aussehen wird. Wenn ich dann aber – genötigt von den ganzen Informationsquellen und mir selbst – den Touristenströmen zu den besten Orten trotzdem folge, passiert eigentlich immer das Gleiche: Die Plätze sind – meist auch in der Nebensaison- total überlaufen und allein deshalb schon von jeglichem Zauber befreit. Also versucht man die Menschenmassen trotzdem so gut es geht auszublenden und irgendwie das perfekte Foto hinzubekommen, bei dem es so aussieht, als sei man so gut wie alleine unterwegs – falls das nicht gelingt, gibt es ja auch noch Photoshop. Wenn das perfekte Foto schließlich im Kasten ist, kann man eigentlich auch schon wieder abreisen, einfach schnell hochladen und schon hat man sich selbst und seine Follower mit der perfekten Illusion veräppelt. Macht das Spaß? Nein.

Ich habe mir im Vorfeld unserer Reise aber trotzdem mal wieder alle möglichen Blogs und den geschenkten Reiseführer durchgelesen und eine To-Do-Liste mit den Plätzen, die ich meinte unbedingt sehen zu wollen, erstellt und war bereit, sie gnadenlos abzuhaken. Nach dem dritten Punkt habe ich die Liste weggeschmissen und wir konnten endlich Urlaub machen. Sicher ist es schön im Hafen von Marsaxlokk frischen Fisch zu essen, mit dem Boot zur blauen Lagune nach Comino überzusetzen und durch die Altstadtgassen von Mdina zu laufen. Was aber nicht so schön ist sind ewig lange Wartezeiten und stundenlange Busfahrten (die Busse sind auf Malta zudem quasi nie pünktlich) und eben auch nicht die vielen Menschen. Und deswegen brauche ich jetzt auch keine ewig langen Tipps für Maltas Hotspots geben (gibt es ja auch schon zur Genüge), sondern liste euch hier einfach meine persönlichen Highlights aus unserem Maltaurlaub auf und das sind zum Großteil tatsächlich einfache Orte/Erlebnisse, die mich wieder zum Zitat am Anfang dieses Textes bringen:

Der Hafen von Vittoriosa, an dem unsere Ferienwohnung lag und an dem wir jeden Abend vor dem zu Zubettgehen spazieren gingen und zum Abschluss des Tages einen Cappuccino auf den Treppenstufen tranken. Ich liebe den Cappuccino & die heiße Schokolade auf Malta und die Cafés nehmen dafür tatsächlich nur zwischen 0,60 – 1,80 Euro.

Dock No. 1 / American University of Malta


Die vielen kleinen Gassen in unserer Nachbarschaft, in denen es meist nach frisch gewaschener Wäsche roch.

Triq Hilda Tabone

Eine Wanderung durch irgendwelche Dörfer auf Gozo bei der wir ganz alleine waren und schließlich an einem wunderschönen Strand landeten und etwas oberhalb des Strandes dann auch noch einen Lost Place entdeckten.

Ramla Bay Beach

Eine planlose Entdeckungstour durch Valetta, bei der wir einen Mittagsschlaf auf den Stadtmauern hielten und später sogar völlig einsam dem Meer entgegen schaukeln konnten.

Valetta

Die Entdeckung unserer Dachterrasse (das hat tatsächlich ein paar Tage gedauert) auf der wir nachmittags Chai ☕️ tranken und nachts ein bisschen tanzten.

Airbnb-Wohnung

Fazit: Ich werde unseren Malta-Urlaub mit vielen schönen Erinnerungen im Gedächtnis behalten, aber wie ihr seht entstehen schöne Erlebnisse meist nicht auf Sightseeing-Touren bei der Besichtigung von Kulturdenkmälern oder Museen, sondern ganz unspektakulär in Momenten, die einen einfach aus der Situation heraus packen, weil unerwartete Dinge passieren, auf die man eben nicht schon vorher durch den Reiseblog von Traveler XY eingestellt war. Daher kann ich nur jedem raten, es mit den vermeintlichen Touristenattraktionen nicht zu übertreiben und das unbekannte Land auf eigenen Routen zu entdecken, denn das ist immer noch am Schönsten.



Allgemeine Hinweise für Malta:

☀️ Ein Wochenticket für den Bus kostet 21 Euro und kann auch auf der Nachbarinsel Gozo benutzt werden

☀️ Auf Malta herrscht Linksverkehr, daher haben wir lieber keinen Mietwagen genommen. Dafür braucht man mit dem Bus aber oft viel länger als mit dem Auto

☀️ Das Leitungswasser ist kein Trinkwasser 🚱 (wusste ich leider erst ab dem 3. Tag)

☀️ Auf Gozo gibt es die besten Strände

☀️ Das Essen hat mich nicht so überzeugt, aber wie bereits erwähnt der Cappuccino 😊

☀️ Jeder auf Malta spricht Englisch, da es die 2. Landessprache ist

☀️ Kontaktlinsenflüssigkeit gibt es in der Apotheke für 3-5 Euro, manchmal kann man dort auch Kontaktlinsen kaufen

☀️ Klettert einfach mal ein bisschen auf den Stadtmauern und Felsen direkt am Meer herum, es gibt unzählige kleine versteckte Buchten, wo man völlig ungestört schnorcheln und sonnenbaden kann, das Wasser ist einfach herrlich klar & blau.

4 Tage Athen als Pärchen für 320 Euro

Trotz kleinerem Geldbeutel gibt es eine Sache, auf die ich unter keinen Umständen verzichten will: Reisen. Inzwischen zu einer Art sportlicher Wettkampf der jüngeren Generationen mutiert, frei nach dem Motto „Du bist wo du warst“, ist es aber auch für jeden individuell immer eine Erfahrung. Reisen ist Passion, Horizonterweiterung, Abenteuer und Spaß. Ich könnte ewig darüber philosophieren, was das Entdecken neuer Sehnsuchtsorte mit einem macht und wie sehr ich es liebe, aber dieser Artikel soll davon handeln, wie man spontan und vor allem günstig einen wundervollen Trip in die geschichtsträchtige Hauptstadt der Griechen planen kann. 

Athen lohnt sich zu dieser Jahreszeit aber nicht nur für Geschichtsinteressierten und Griechenlandfans, sondern auch für diejenigen, die einfach nicht mehr auf den Frühling warten können und dringend ein bisschen sonnige Wärme brauchen. Zu dieser Kategorie zähle auch ich. 

So kam es, dass wir am Montag ganz spontan beschlossen haben, am Mittwoch für vier Tage nach Athen zu fliegen. Warum Athen? Naja, stand auf meiner „Will-ich-mal-sehen-Liste“ und die Flüge waren billig. Zwar vom drei Autostunden entfernten Berlin, aber das ist uns egal. 

Hier kommt also Tipp Nr.1 : 

Je flexibler man bei seinem Reisezeitraum ist, je größer ist die Schnäppchenauswahl. Wir gehören (endlich) zu der Kategorie „sehr flexibel“ und so konnten wir Flüge zum Preis von ca. 45 Euro pro Person und Strecke ergattern. Bei der Auswahl der Flüge schaue ich immer auf www.skyscanner.de, weil es da auch so schöne Monatsübersichten gibt, wann das gewünschte Reiseziel am preiswertesten ist. Wenn ich meine Flüge gefunden habe (meist angeboten von easyjet oder rynair) buche ich allerdings direkt über die Fluggesellschaft, was noch mal Gebühren von ca. 20 Euro einspart. 

Tipp Nr. 2 :

Wenn die Flüge erst mal gebucht sind, kann man sich dann ganz entspannt nach einer schönen Unterkunft umsehen. Hierfür bevorzuge ich airbnb, denn es ist unkompliziert, schnell, es gibt meist viele Bewertungen + Fotos und natürlich stimmt auch hier der Preis. Außerdem tritt man bereits vor seiner Reise mit dem Gastgeber in Kontakt und da diese ja eigentlich immer Locals sind, kriegt man schon mal den ein oder anderen Tipp, zum Beispiel über den günstigsten Transfer vom Flughafen zum Appartement (kostet 8 Euro pro Person mit der U-Bahn). 

Wir hatten das Glück, Gäste der wundervollen Nefeli zu sein, eine Gastgeberin wie sie im Buche steht. Nicht nur ihr kleines gemütliches 2-Zimmer Appartement war genauso schön wie ich es mir vorgestellt hatte, Nefeli überraschte uns auch mit kostenlosem Espresso, Tee, sowie Netflix und sie schenkte uns zur Begrüßung sogar noch 2 Gläser selbstgemachte Marmelade. Besser kann man sich als Gast wohl nicht aufgehoben fühlen. 

Alles in allem gab es diese Gastfreundschaft für grade einmal 98 Euro (inklusive airbnb Gebühren, Bettwäsche und Handtücher) für 4 Tage bzw. 3 Nächte.

Tipp Nr. 3 :

Was das Essen angeht, hatten wir in unserem schnuckeligen Apartment eine kleine Küchenzeile mit allen notwendigen Kochutensilien und sogar mit Gewürzen. Aber wer hat schon Lust im Urlaub großartig den Kochlöffel zu schwingen, also ich jedenfalls nicht und deshalb haben wir meist auf das köstliche griechische Streetfood zurückgegriffen. Hier gibt es gefüllte Pitas in Hülle und Fülle für grade einmal 2 Euro, die machen satt und schmecken super. Da im Urlaub grundsätzlich Sonderregeln gelten, darf man sich auch mal ungesund ernähren und so haben wir jeden Morgen beim georgischen Bäcker um die Ecke mit Käse gefüllte Teigtaschen gekauft, die wir dann in der Hängematte mit reichlich Schwarztee genossen. Die Teile sind extrem sättigend und schmecken ähnlich wie Minicalzone, nur ohne Tomate, dafür aber viel käsiger. Dazu gabs dann noch ein paar Oliven und Tomaten vom Händler in der Nachbarschaft und auch ein bisschen Obst, um trotz Urlaub erst gar kein schlechtes Gewissen aufkommen zu lassen. Wie ihr seht muss man auch hier nicht tief in die Tasche greifen, um gut und lecker zu dinieren.

Tipp Nr. 4 :

Kommen wir nun zu den Aktivitäten vor Ort. Ich habe einen Fehler gemacht und im Vorfeld der Reise einen sogenannten Athenpass gebucht, bei dem ich mich leider verlesen habe und den nur deshalb gebucht habe, weil ich davon ausgegangen bin, dass neben der Nutzung des Hop-On, Hop-Off Busses auch die öffentlichen Verkehrsmittel für 72 Stunden inkludiert sind. Dem war leider nicht so und so haben wir nur für den Hop-On, Hop-Off Bus 29,99 Euro pro Person bezahlt. Wir haben den dann an zwei Tagen kurz genutzt, uns dann aber lieber ein Tagesticket für die Metro gekauft (kostet für den gesamten Nahverkehr 4,- € und berechtigt für Fahrten mit den Bussen, Trolley Busse, Linien 1,2,3 der Metro, Tramway und Suburban Railway 2,3). Der Hop-On, Hop-Off Bus kam einfach nie zu der Zeit, die an der jeweiligen Station stand, man hatte Wartezeiten von mindestens 20 Minuten und im Stadtverkehr kam der Bus auch nur im Schneckentempo voran, sodass man eigentlich auch zu Fuß daneben herlaufen könnte. Außerdem war es auf dem oberen Deck zugig und kalt, es hat uns einfach nicht gefallen und ist vielleicht doch eher was für Senioren, die gerne rumgetuckert werden. Wir entdecken Orte lieber auf eigene Faust und bewegen uns wie die Einheimischen fort, deswegen werde ich so einen Städtepass auch nie wieder kaufen (obwohl man ja niemals nie sagen soll).

Mit der U- und S-Bahn ging es dann aber super voran und wir konnten viele sehenswerte Plätze entdecken.

Mein persönliches Highlight war der Filopappos Hill, Thisseio, Athina 104 38, von dem man eine spektakuläre Sicht auf die Akropolis bis hin zum Mittelmeer genießen kann. Die gesamte Stadt lag uns quasi im Rundumblick zu Füßen und die Wegstrecke bis zu diesem Ziel hat eine beeindruckende, satte Vegetation zu bieten. Dazu eine kleine Anmerkung: Man sagt zwar der Weg ist das Ziel, aber wenn das Ziel auch schön ist, kann man ja auch einfach beides gleichermaßen genießen 😉

Was mir ebenfalls sehr gut gefällt, ist das Stavros Niarchos Foundation Cultural Center oder kurz: Das Kulturzentrum – samt Opernhaus, Nationalbibliothek und Park. Ich war mir total sicher, dass so ein imposantes Bauwerk im schuldengeplagtem Griechenland garantiert von der EU gesponsert wurde, aber dem ist nicht so. Die Stiftung einer wohlhabenden griechischen Familie hat der Stadt dieses 670 Millionen teure Geschenk gemacht, ein Ort der Begegnung, der kulturellen Förderung und natürlich auch des Entspannens.

Das Kulturzentrum wurde auf einem angehäuften Hügel errichtet, der als Parkanlage breit und langsam ansteigend über die Glasfront der Bibliothek hinweg auf das Dach des Opernhauses führt. Dort schützt, einem Segel ähnlich, ein enormes Solarpanel die Besucher vor der Sonne. Von oben könnt ihr dann auf Athen und den Golf blicken; unten, vom Eingang der Parkanlage betrachtet, sieht man aber zunächst nur das Solardach des Opernhauses. Mit seinen Stützen wirkt es fast wie eine neue Akropolis.

Der Park, der bis zum Kulturzentrum hinaufführt, ist ein Highlight für sich: Alte Olivenbäume mit dickleibigen Stämmen und vielen Stühlen zum darunter sitzen oder zum Sonnen, die zwischen herrlich duftenden Rosmarin- und Lavendelbüschen platziert sind, geben der Gartenanlage das Aussehen eines modern-antiken Hains. Ein künstlicher Kanal läuft an einer Seite und soll sinnbildlich Kallitheas getrennte Verbindung zum Meer wiederherstellen. Es ist einfach eine tolle Atmosphäre und ich liebe den Duft, der an diesem Ort in der Luft liegt, eine Mischung aus Lavendel und Mittelmeer, der unmittelbar in Sommerlaune versetzt.

In der Abenddämmerung bevölkern Gruppen von Frauen mit ihren Yogamatten unterm Arm die Parkanlage und machen dort ihren Sonnengruß, die Stadt schaltet derweil unter ihnen ihre funkelnden Lichter ein. Während der Durchschnittsdeutsche sich allabendlich die Tagesschau reinzieht, versammeln sich die Griechen bei lauen Temperaturen unter einem der zahlreichen Olivenbäume und quatschen oder sie verbringen ihren Feierabend beim gemeinsamen Schachspiel am Meer. 

Und so beende ich diesen Reisebericht mit der Erinnerung an diese Momente, in denen ich mir dann doch dachte, Deutschland ist zwar gut zum arbeiten, aber Griechenland eindeutig zum leben…

Zeit oder Geld?

Ist die Zeit das Kostbarste unter allem, so ist Zeitverschwendung die allergrößte Verschwendung.

Benjamin Franklin

Ein Zitat dem ich voll und ganz zustimme. Ich bin der Meinung, dass es für einen Menschen nichts wichtigeres und kostbareres gibt, als die eigene Lebenszeit, die möglichst durchdacht genutzt werden will. Viele stimmen dieser These zu, sind aber nicht in der Lage, sie für ihr eigenes Leben umzusetzen. War ich auch nicht. Arbeite ich jetzt aber dran.

Irgendwann kam mir ein fantasievoller Gedanke: Was wäre, wenn beispielsweise ein Engel zu dir käme und dich vor folgende Entscheidung stellen würde: Dein Todeszeitpunkt ist bereits bei deiner Geburt vorherbestimmt (daran glaube ich wirklich), aber du weißt natürlich nicht, wann dieser Tag kommt. Jetzt bietet dir der Engel zwei Varianten. Variante A, du bekommst 200.000 Euro, davon kannst du dir ein Einfamilienhaus kaufen, ein Auto oder wonach dir auch immer der Sinn steht. Variante B, du erhältst 20 Lebensjahre mehr Zeit, die du ebenfalls nach deinem freien Willen nutzen kannst. Ohne das ich dazu eine Umfrage gemacht habe, glaube ich, dass sich die meisten Menschen für die Zeitvariante entscheiden würden.

Und jetzt kommt das Verrückte: Es braucht gar keinen Engel der dich vor diese Wahl stellt, denn du hast sie automatisch seit deinem Eintritt in die Arbeitswelt und natürlich unter der Voraussetzung, dass du eine durchschnittliche Lebenserwartung hast. Denn je mehr du arbeitest, desto mehr verdienst du auch, umso mehr kannst du dir leisten, aber die Arbeitszeit minimiert halt deine freie Lebenszeit.

Wenn du in der Schule aufgepasst hast und/oder das Schicksal es einfach gut mit dir meint, hast du sicherlich einen einigermaßen passablen Berufs- und/oder Studienabschluss an Land gezogen. Danach oder auch zwischendurch stehst du aber nicht nur vor der Wahl des richtigen Arbeitgebers, sondern auch vor der des richtigen Arbeitsmodells, also Voll- oder Teilzeit. Viele Leute stellen sich diese Frage überhaupt nicht, weil sie denken, gesellschaftlich zum Beispiel keine Rechtfertigung zur Teilzeitkraft zu haben (z.B. jung, kinderlos, voller Energie, Mann etc. pp). Aber hey, warum entscheidest du dich, ohne mal selbst in dich hineinzuhorchen was für dich eigentlich richtig ist, automatisch für die Geldvariante? Diese Frage stellte ich mir selbst erstmalig vor ca. einem Jahr, in meinem alten Büro, in meinem alten Leben.

Plötzlich stellte ich mir mich selbst im Zeitraffer vor, wie ich mich jeden morgen an der Stempeluhr einloggte und Falten bekam, die dann ganz schnell immer tiefer wurden. Ich kam zu dem Gedanken, dass ich ja gewissermaßen tatsächlich hier im Büro altern würde, denn hier verbrachte ich ja auch die meiste Zeit. Das versetzte mich in Panik. Nach der Kündigung beim alten Arbeitgeber fasste ich den Entschluss: Weniger Geld, aber dafür nie wieder Vollzeit.

Mein Vater sagte mir, nachdem ich ihm meine Teilzeitentscheidung bekanntgegeben habe, wenn ich das mache, dürfe ich aber auch nicht neidisch auf mein soziales Umfeld sein, in dem ja dann quasi jeder mehr Geld zur Verfügung hätte als ich. Ich müsse dabei zusehen, wie meine alten Freundinnen sich ihre Traumhäuser bauen, während ich weiterhin in einer kleinen Mietwohnung sitze oder wie mein Bruder mit einem nagelneuen Auto bei ihnen vorfährt und ich meins fahren muss, bis es auseinander fällt. Hört sich im ersten Moment hart an und lohnt sich sicherlich auch darüber nachzudenken, was ich dann auch tat.

Mein Ergebnis: Nachdem sich eine Freundin letzte Woche ein nagelneues Auto gekauft hat, musste ich feststellen, dass ich nicht den kleinsten Funken Neid verspürte. Denn ich weiß, dieses Auto wird sie umgerechnet ca. 1 Lebensjahr kosten, das sie an die Arbeit verliert, während ich mit meiner ollen Karre oder dem Bus ans Meer fahre, mir ein Fischbrötchen kaufe und in meiner reichlich vorhandenen Freizeit tun und lassen kann was ich will…

Ob meine Entscheidung also richtig war? Absolut.

 

Eure Meerliebe

Kellerleben

Neulich habe ich beim YouTube durchforsten zufällig eine Doku über Wien gesehen, in der es darum ging, dass viele weniger solvente Menschen, oft natürlich Flüchtlinge und Immigranten, Schrottimmobilien zu horrenden Preisen anmieten müssen, mangels anderer Alternativen. In abgeschwächter Form habe ich in Wien auch selbst schon in so einer Wohnung genächtigt, es war jetzt nicht das absolute Horrorhaus, aber es war nicht schön und für meinen Standard, der ja nun mal irgendwie durch das Umfeld automatisch anerzogen ist, gewöhnungsbedürftig. Es war Winter, die Heizung lief so gut wie gar nicht, mir war also kalt und es war allein deshalb schon sehr ungemütlich. Außerdem war es laut, weil die Wohnung zu einer Hauptstraße rausgeht und die Fenster nur einfach verglast sind, sodass man, wenn man im Bett liegt, sogar die Bürgersteig-Gespräche der vorbeiziehenden Passanten wörtlich verstehen kann. Außerdem war die Ausstattung der Wohnung sehr einfach und zum Teil kaputt. Diese 2-Zimmer Wohnung wird bis jetzt von einer 5 köpfigen Familie bewohnt, Kostenpunkt: 950 Euro warm. 

In der Doku ging es jedoch um Schrottimmobilien und Wohnungen, die diesen Standard noch weitaus unterschreiten. Es wurde gezeigt, dass Vermieter häufig die Abstellräume im Keller zu Wohnungen umwandeln (indem sie einfach eine Toilette installieren und den Keller mit ein paar Möbeln vom Sperrmüll dekorieren) um diese dann teuer an Menschen zu vermieten, die im erbitterten Kampf um bezahlbaren Wohnraum fast immer verlieren. Ich weiß noch, dass mich diese Doku seinerzeit wirklich schockiert hat, denn hallo, das hier ist Europa, ein viel gehegter Lebenstraum der dritten Weltländer. Im reichen Europa sperrt man die Menschen doch nicht einfach in fensterlose, feuchte Keller und lässt sie für diese Unterkunft + ein paar Lebensmittel auch noch 10 Stunden am Tag harte Arbeit verrichten oder etwa doch? 

Ich würde jetzt gerne sagen, ich habe das für euch recherchiert, aber Recherchen betreibt man ja freiwillig und ich bin da eher so reingerutscht und war deswegen natürlich entsprechend schockiert. 

Während ich diesen Artikel schreibe, sind wir grade im Urlaub in Athen und waren heute bei einer ägyptischen Familie eingeladen (die Hintergründe wieso, weshalb, warum erläutere ich jetzt an dieser Stelle mal nicht, das dauert zu lange). Man merkte bereits bei der Einladung, dass ihnen ihre Unterkunft sichtlich peinlich ist, denn sie entschuldigten sich schon im Vorfeld dafür und wäre ihnen unser Besuch nicht so wichtig gewesen, hätten sie uns sicher lieber nicht in ihr zu Hause gebeten. Am Haus angekommen war ich zunächst über die schöne Wohngegend verwundert. Es gab viele Orangen- und Zitronenbäume am Straßenrand, die Gegend wirkte gepflegt und nicht vermüllt, wie manch andere Straße der Stadt. Als der Familienvater uns mit den Kindern die Haustür öffnete, kam uns eine gut gekleidete griechische Familie entgegen, ebenfalls Mieter in diesem Haus. Der weitläufige Flur war, wie so oft in südländischen Wohnhäusern, mit Mamorfließen ausgelegt, es gab einen schönen Kronleuchter und kleine Spiegel an der Wand. Aber anstatt die kleinen blitzblanken Treppenstufen mit uns hochzugehen, öffnete der Mann eine dicke Stahltür und führte uns auf betonierten Treppenstufen hinab in den dunklen Keller. Dort standen zunächst abgestellte Dinge wie Fahrräder und Kinderwagen, aber als er eine weitere Tür öffnete waren wir plötzlich im ca. 20 qm großen Wohn-/Schlafzimmer der Familie. Mir stiegen sofort die Tränen in die Augen, aber ich musste mich zwingen einen „das ist doch alles ganz normal“ Eindruck zu machen, damit die Familie sich nicht noch weiter unten fühlt, als sie es im Keller leider notgedrungen schon ist. Ich war geschockt. Die hochschwangere Frau, ein fünfjähriger und ein zweijähriger Sohn, sowie der Familienvater verbrachten ihren Alltag auf zwei schäbigen Matratzen, zwar mit einem kleinen Fernseher in der Ecke, aber ohne einen Funken Tageslicht, im Abstellraum eines moderigen Kellers. In diesen inzwischen gar nicht mehr so seltenen Momenten denke ich unmittelbar: Danke für dieses Leben, in das ich so schicksalshaft hinein geboren wurde lieber Gott, wie anders hätte es doch alles verlaufen können, wäre ich nicht zufällig in einem der reichsten Länder dieser Erde geboren. 

Ich persönlich kann mich ja mit vielen verschiedenen Lebensformen arrangieren und habe in meinem Leben genug Menschen mit wenig Geld und kleinen, teilweise auch schäbigen Wohnungen kennengelernt, aber ein einzelner Raum in dem man ohne Sonnenlicht verharren muss und nicht weiß, ob draußen Nacht oder Tag ist, widerspricht meinen Vorstellungen von einem menschenwürdigen Wohnen. Niemand sollte so leben müssen und es sollte Vermietern auch nicht erlaubt sein, Kellerräume als Wohnraum zu vermieten. Das zeigt einmal mehr wie ignorant diese Gesellschaft sein kann, in der es toleriert wird, dass ein einziger Mensch 112 Milliarden Dollar (das sind 112.000 Millionen!!!) besitzt (hier Amazon-Gründer Jeff Bezos) während andere Menschen täglich um ihre Existenz kämpfen müssen, ohne das auch das jemanden stört. Ich weiß, dass dieser Kampf in vielen anderen Ländern noch weitaus schlimmer ist, aber davon bin ich (noch) kein Augenzeuge geworden, deswegen ist dieses Kellerleben für mich schon sehr grausam. 

Seit der griechischen Wirtschaftskrise verdient ein normaler Arbeiter (im Falle des ägyptischen Familienvaters ein Elektriker) als Vollzeitkraft rund 550 Euro. Kindergeld gibt es seit Jahren nicht mehr und auf staatliche Unterstützung bei Schwangerschaft oder Geburt hofft man als Grieche (oder Immigrant in Griechenland) auch vergeblich. Im Falle von Arbeitslosigkeit bekommt man maximal Nahrungsmittel vom Staat, anfallende Kosten für Miete werden jedoch nicht übernommen, sodass man sich über kurz oder lang schon mal auf die Obdachlosigkeit einstellen kann. 

Damit zurück zu meiner Familie: Die 5 leben nach Abzug der Mietkosten von rund 300 Euro im Monat und man darf hierbei nicht vergessen, dass die Lebensmittel in Griechenland oftmals teurer sind als bei uns. Das Geld reicht also grade so aus um zu existieren, aber das wars dann auch schon. 

Während ich so auf der durchgelegen Matratze saß, auf die Betonwände starrte und über die Ungerechtigkeiten dieser Welt nachdachte, kam mir wieder Jeff Bezos in den Kopf, weil ich kurz zuvor einen Artikel über ihn gelesen hatte. Dort stand folgendes geschrieben: Ein Wimpernschlag dauert etwa 0,15 Sekunden. In dieser Zeit verdient Jeff Bezos 180 Dollar, umgerechnet 157 Euro. Jede Stunde wächst das Vermögen des Amazon-Chefs um 4,315 Millionen Dollar. Am Ende eines Tages ist er um knapp 104 Millionen Dollar reicher.

Wenn es nach mir ginge, müsste das Vermögen, welches ein Mensch pro Kopf maximal besitzen darf, auf eine Summe X beschränkt sein und alles was darüber hinausgeht, den Ärmsten der Armen zufließen. Warum geht es eigentlich nicht nach mir?

Nachdem an diesem späten Nachmittag schließlich alles gesagt war, was es zu sagen gab, stiegen wir etwas schwermütig die Betontreppe wieder hinauf. Beim Öffnen der Haustür stellten wir überrascht fest, dass inzwischen die Nacht hereingebrochen war, der Sonnenuntergang blieb uns dort unten verborgen. Und so unsichtbar wie das Tageslicht, leben auch diese Menschen weitgehend im Verborgenen, zwischen Rohrleitungen und abgestelltem Zeug ihr ärmliches Kellerleben, während andere Menschen nicht mal mehr wissen, wie viele Immobilien, Autos oder Yachten sie eigentlich besitzen…


Großstadtdschungel

Städte die für mich früher einen Großstadtcharakter hatten, empfinde ich inzwischen oftmals als doch recht überschaubar. Aber es gibt sie natürlich, die wirklich großen Großstädte. Für mich sind das grundsätzlich all die Städte, die U-Bahnen und Straßenbahnen besitzen, alle anderen Großstädte (laut gesetzlicher Definition ab einer Einwohnerzahl von mindestens 100.000) fallen unter meine Kategorie „kleine Großstädte“. Ich selbst habe mich bei der Wahl des neuen Lebensmittelpunktes für eine kleine Großstadt entschieden und immer wenn ich in Berlin, der größten Großstadt im deutschsprachigen Raum bin (was ungefähr 4 mal im Jahr vorkommt), erweist sich diese Entscheidung als richtig. Es gibt andere Großstädte, die ich mir durchaus als Wohnort vorstellen könnte, allen voran Wien (ein anderes Thema zu dem bald noch mehr Beiträge folgen), aber Berlin ist mir einfach zu viel. Man hat das Gefühl, dass die Menschen dort ärmer sind als der Landesdurchschnitt, die Bettler klopfen den fahrenden Autos an die Scheiben und erbitten während der Fahrt Centbeträge, was ich bisher sonst nur im Ausland erlebt habe und wo man hinschaut, fallen einem Obdachlose ins Auge. Viele Menschen wirken perspektivlos, so als hätten sie sich schon vor langer Zeit aufgegeben und so werden sie auch von der Gesellschaft bereits seit Jahren ignoriert.

Als wir letzte Woche in Berlin waren, haben wir unser Auto geparkt und uns ein U-Bahn-Ticket gekauft (was wir nun immer sehr pflichtbewusst tun, dort wird nämlich doch recht häufig kontrolliert und ja wir mussten das letzte mal 120 Euro bezahlen + Schamgefühl gratis obendrauf). Zehn Minuten in der U-Bahn haben ausgereicht, um mir bewusst zu machen, wie anders sich die Menschen im Großstadtdschungel teilweise benehmen, sofern sie sich denn überhaupt benehmen. Zunächst fiel mir eine Gruppe Jugendlicher auf, die darüber diskutierten in welchem Mischverhältnis sie gleich ihre RumCola Getränke mixen. Es war Mittwoch 12.30 Uhr, keine Ferien. Während sie darüber diskutierten, sprach eine alte Frau die dort auf ihrem Sitz saß, ein junges, stehendes Mädchen an, dessen Rucksack sie inzwischen im Gesicht hatte, ob diese ein Stück zur Seite gehen könnte, damit die alte Frau mehr Platz habe. Die Antwort des Mädchens war „Halt die Fresse“ und damit wandte sie sich wieder dem Getränkethema zu. Beim Verlassen der U-Bahn Station kam uns ein offensichtlich geisteskranker Mann entgegen, der sich selbst unentwegt anschrie. Als wir weiter der Straße folgten, befuhr ein Fahrradfahrer die Straße und beanspruchte einen großen Teil der Fahrbahn. Ein LKW überholte langsam und hupte den Fahrradfahrer an, woraufhin dieser ihm als Erwiderung seinen Mittelfinger zeigte.

10 Minuten Berlin, 10 Minuten das Gefühl, dass es mit dem gegenseitigen Verständnis füreinander und einem friedlichen Zusammenleben steil bergab geht.

Eure enttäuschte Meerliebe