Die Einsamkeit der Alten

Gestern war ich mit einer Freundin in einem Café. Nach zwei Stunden musste sie den nächsten Bus kriegen und ich hatte noch einen Termin in der Stadt, also blieb ich noch ein Weilchen auf meinem Platz vor einer frischen Tasse Kaffee sitzen. Was mir bis zum Verschwinden meiner Freundin nicht aufgefallen war: Alle 5 Tische, die in unmittelbarer Umgebung zu meinem eigenen standen, waren von jeweils einer Person Ü60 besetzt. Es waren vier ältere Damen und ein Herr, jeder hatte ein Stück Kuchen vor sich,  ansonsten aber nichts und niemanden. Sie alle machten einen eher traurigen Eindruck und ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie sie nachmittags die Entscheidung trafen, ihre kleinen, stillen Wohnungen für ein paar Stunden zu verlassen und zumindest anderen Menschen beim Leben zuzuschauen, wenn sie schon niemanden mehr hatten, der sie an dem ihren teilhaben ließ.

Verschiedenen Statistiken zufolge (richtig aussagekräftige Studien gibt es in Deutschland noch gar nicht) sind rund 8 Millionen Menschen im Alter von 60 – 99 Jahren von Einsamkeit betroffen. Worin sich die meisten Institute, Behörden etc. zudem einig sind, ist, dass es heute deutlich mehr einsame Menschen in Deutschland gibt, als noch vor zwanzig Jahren und die Zahl der Vereinsamten weiter zunimmt. 

Zurück zum Café. Es war ein trauriges Bild. Was ich aber gleichzeitig interessant fand, war, dass zwei der Damen sogar den gleichen Pelzhut trugen.

Im Prinzip ist es ja so einfach, sich zu jemanden an den Tisch zu setzen und die eigene Einsamkeit zu beenden, aber gleichzeitig ist es auch so verdammt schwer. Warum sind wir alle so sozialisiert, dass wir immer nur die gesellschaftlichen Regeln befolgen, in denen man sich eben nicht zu einer Fremden an den Tisch setzt (die ja sogar den gleichen Hut auf hat und dazu genauso einen einsamen Blick wie ich selbst), obwohl man sich doch so viel zu erzählen hätte. Weil wir Angst vor Abweisung haben? Weil unsere Schüchternheit uns daran hindert?

Wieso können wir Menschen nicht einfach offener und ehrlicher miteinander umgehen, indem wir unserem gegenüber einfach sagen können, wenn wir lieber alleine sein wollen, aber eben auch, wenn wir gerne ein nettes Gespräch führen möchten, sei es auch mit einer Fremden. 

Solange diese Hemmschwelle nicht überwunden wird, werden wohl noch viele alte und natürlich auch junge Leute einsam vor ihren Kaffeetassen sitzen und Chancen auf echte Freundschaften verpassen. Schade. 

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